|Leseliebe| „Kaiserstuhl“ von Brigitte Glaser

Neben „Herkunft“ von Saša Stanišić gibt es kaum ein Buch, das ich in der aktuellen weltpolitischen Lage wichtiger und passender finde als „Kaiserstuhl“ von Brigitte Glaser. Denn in ihrem neusten, historischen Roman erzählt die Autorin von der wechselvollen Geschichte des Elsass. Sie macht deutlich, was es für die Bewohner dieses Landstrichs bedeutet, immer wieder Spielball der Geschichte und politischer Kräfte zu sein.

Werbung: das Buch habe ich bei einer Verlosung auf vorablesen.de als Rezensionsexemplar gewonnen.

 

Kaiserstuhl von Brigitte Glaser_Rezension
Wechselvolle Geschichte der südbadischen Grenzregion

In „Kaiserstuhl“ von Brigitte Glaser steht eine ganze Reihe an Protagonisten im Fokus. Ihnen allen ist gemein, dass sie in der südbadischen und elsässischen Grenzregion aufgewachsen sind und sich ihre Wege am Ende des Zweiten Weltkriegs und in der Nachkriegszeit zum ersten Mal gekreuzt haben.

In den 1960iger Jahren hält ein Besuch des französischen Präsidenten de Gaulle in Ludwigsburg und seine Rede an die deutsche Jugend die Bundesrepublik in Atem. Ein deutsch-französischer Freundschaftsvertrag soll geschlossen werden und einen dauerhaften Frieden im Herzen Europas sichern.  Ein löblicher Plan, der jedoch sowohl transatlantisch als auch in der deutschen und französischen Innenpolitik kritisch beäugt wird.

Auf den ersten Blick mag man sich fragen, was die Freiburger Weinhändlerin Henny und der Elsässer Kinoenthusiast Paul mit diesen Entscheidungen der großen Weltpolitik zu tun haben. Henny war jedoch einst im Besitz einer besonderen Flasche Champagner, die nach der Unterzeichnung des deutsch-französischen Vertrags geköpft werden soll. Deshalb befindet sie sich unversehens gemeinsam mit Paul auf der Jagd nach dieser Flasche. Ausgerechnet mit Paul, dem Mann, den sie einst vor dem Traualtar stehen ließ. Nicht nur die beiden müssen sich im Laufe der Geschichte den Dämonen ihrer Vergangenheit stellen.

 

Weltgeschehen und private Dramen

Was für eine grandiose Geschichte, die sowohl die jüngere mitteleuropäische Geschichte als auch die kleinen, privaten Liebesdramen vereint. Ich wurde beim Lesen nicht nur wunderbar unterhalten sondern habe auch etwas gelernt. So lebe ich zwar aktuell in der Nähe von Ludwigsburg, mir war jedoch nicht bekannt, dass de Gaulle einst die wichtige „Rede an die Jugend“ im Innenhof von Schloss Ludwigsburg gehalten hat. Auch wusste ich rudimentär über die wechselvolle Geschichte des Elsass Bescheid, ich dachte jedoch, dass die Bewohner sich schon immer eindeutig mit Frankreich identifiziert haben. Dass das erst seit der Nazi-Zeit der Fall ist, war neu für mich.

 

Kaiserstuhl Brigitte Glaser Rezension

 

Geschichte – aktuell wie nie

Angesichts der aktuell sehr angespannten politischen Lage in Europa zeigt „Kaiserstuhl“ am Beispiel der Entwicklung des deutsch-französischen Verhältnisses wunderbar auf, wie wichtig es ist, nationalistisches Gedankengut zugunsten eines Miteinanders hinter sich zu lassen. Quasi Schüleraustausch statt Erbfeindschaft.

Irgendwie war „Kaiserstuhl“ deshalb auch ein kleiner Funken Hoffnung für mich. Zeigt es doch, dass auch zwei Länder, die sich seit Jahrhunderten in kriegerischen Auseinandersetzungen aufgerieben haben, mit gutem Willen auf beiden Seiten zu einer friedlichen Koexistenz finden können.

 

Schrecklich und realistisch

Wann immer Alt-Nazis in Büchern nach 1945 auftauchen und einflussreiche Seilschaften bilden, läuft es mir eiskalt den Rücken hinunter. Zu schrecklich ist die Vorstellung, wie diese sich trotz begangener Gräueltaten schnell wieder etablieren konnten. Leider eine nicht nur schreckliche sondern auch realistische Vorstellung. Die Brigitte Glaser im gesamten Roman realitätsnah umsetzt. Das hat mir gut gefallen. Dass am Ende eben nicht alle Fragen beantwortet werden. Sondern wie im echten Leben Raum für Spekulation bleibt.

 

Fazit

Wie auch mit ihren beiden anderen Romanen „Rheinblick“ und „Bühlerhöhe“ konnte mich Brigitte Glaser mit „Kaiserstuhl“ überzeugen. Sie bleibt für mich die deutsche Königin der historisch-politischen Romane der Nachkriegszeit. Ich freue mich jetzt schon auf ihren nächsten Titel und eine neuerliche Geschichtsstunde.

 

 

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