|Leseliebe| „Iss das jetzt, wenn du mich liebst“ von Bianca Nawrath

Der Titel mag sich nach einem Erfahrungsbericht über eine Essstörung anhören, tatsächlich geht es in „Iss das jetzt, wenn du mich liebst“ von Bianca Nawrath um das Aufwachsen in verschiedenen Kulturen.

Werbung: das Rezensionsexemplar wurde mir von netgalley kosten- und bedingungslos zur Verfügung gestellt.

 

Iss das jetzt wenn du mich liebst von Bianca Nawrath Rezension

 

Eine deutsch-polnische Jugend

Kingas Eltern sind einst mit ihr und ihrer kleinen Schwester von Polen nach Deutschland ausgewandert. Hier ist sie in der „Platte“ aufgewachsen und wurde von ihren Eltern stets dazu angehalten, ihr polnische Herkunft zu verstecken. Bloß nicht auffallen. Als sie sich in einen Deutsch-Türken verliebt, wird es besonders kompliziert. Man könnte meinen, dass ihre Eltern aufgrund der eigenen Vergangenheit gegenüber allen Einwanderern aufgeschlossen sind. Aber nein, genau das Gegenteil ist der Fall. Wie kann Kinga nur auf die Idee kommen, sie ich in einen Türken zu verlieben? Ihre Eltern sehen sie schon mit Kopftuch und komplett entrechtet am Herd stehen. Als die Einladung zur Hochzeit von Kingas in Polen lebender Cousine ins Haus flattert, nimmt die Katastrophe vollends ihren Lauf. Denn Kinga nimmt ihren Freund mit – und in der polnischen Provinz prallen Welten aufeinander.

 

Cultural Clash

Man merkt diesem Buch auf jeder Seite an, dass Bianca Nawrath auf einen großen Erfahrungsschatz zurückgreifen kann, was das Aufeinanderprallen von Kulturen betrifft. Da ich selbst als Kind deutscher Eltern in Deutschland aufgewachsen bin, ist so etwas super spannend und lehrreich für mich zu lesen. Denn auch wenn ich selbst nie diese Erfahrungen gemacht habe, kann ich total mitfühlen, wenn die Autorin schreibt, dass sie in Deutschland „die arme Polin“ und in Polen „die reiche Deutsche“ ist. Es muss so unglaublich hart sein, dieses Gefühl der Entwurzelung zu spüren. Nie irgendwo richtig zu Hause zu sein.

Eigentlich perfekt, dass sie mit ihrem türkischen Freund einen Partner findet, der genau weiß, wie sie empfindet, da er im selben Boot sitzt. Vermutlich ist das ganze für ihn sogar noch ein Stückchen schlimmer, denn er fällt in Deutschland schon allein aufgrund seines „südländischen“ Aussehens auf und sticht als „anders“ heraus.

Ironie des Ganzen: weder seine noch ihre Familie sind mit der Partnerwahl zufrieden. Und das ist das, was für mich so unglaublich schwer nachzuvollziehen ist: wenn man doch selbst sein ganzes Leben lang die Erfahrung gemacht hat, in Deutschland nicht der Norm zu entsprechen, wie kann man dann andere Kulturen genauso ausgrenzen? Es ist manchmal wirklich hart zu lesen, wie rassistisch Kingas Familie eingestellt ist.

 

Bitter-süße Geschichte

Trotzdem gibt es auch die schönen Momente. Wenn Kinga ihrem Freund die Plätze zeigt, die in den polnischen Sommern ihrer Kindheit besonders wichtig für sie waren. Oder ihre Mutter langsam Zutrauen zu „dem Türken“ fasst. Auch fand ich es sehr interessant, von der typisch polnischen (sehr Alkohol geschwängerten) Hochzeit von Kingas Cousine zu lesen. Die für mich, die sich nicht vorstellen kann, mehr als 50 Gäste zu einer Hochzeit einzuladen, total exotisch klingt.

Hinzu kommt im Laufe des Buches ein sehr ernster Aspekt, von dem ich an der Stelle nichts weiter verraten möchte. Denn ich selbst fand es beim Lesen auch sehr spannend, diese unerwartete Wendung zu entdecken.

Alles in allem war „Iss das jetzt, wenn du mich liebst“ von Bianca Nawrath eine bitter-süße Lektüre. Gespickt mit witzigen und traurigen Momenten. Ich fand diese Mischung – inklusive des episodenhaften Aufbaus des Buches – so mitreissend und spannend, dass ich das Buch an nur einem Osterfeiertag verschlungen habe. Für mich ein super Buch für alle, die sich selbst entwurzelt fühlen – oder die wie ich eben verstehen möchten, wie es Menschen geht, die in verschiedenen Kulturkreisen aufwachsen. Ein sehr wichtiges und trotzdem unterhaltsames Buch.

 

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