|Leseliebe| „Das Mädchen im Nordwind“ von Karin Baldvinsson

Ich bin großer Fan der Bücher von Karin Baldvinsson. Denn mit ihr habe ich endlich eine Autorin gefunden, die etwas anderes als Thriller oder Krimis schreibt, die auf Island spielen. Zu Island habe ich ein besonderes Verhältnis, denn dieses Land fasziniert mich seit Kindertagen.  Deshalb ist Island zudem in der Top 3 der Länder, die ich bereisen möchte. Deshalb stand für mich außer Frage, dass ich auch den neuesten Roman der Autorin – „Das Mädchen im Nordwind“ – lesen möchte.

Werbung: das Rezensionsexemplar wurde mir von netgalley kosten- und bedingungslos zur Verfügung gestellt.

 

Das Mädchen im Nordwind von Karin Baldvinsson

 

Eine Jüdin im Deutschland der Vergangenheit vs. eine Deutsche auf Island im hier und heute

Nach dem bewährten Schema von Karin Baldvinsson spielt „Das Mädchen im Nordwind“ auf zwei Zeitebenen: in der Phase zwischen Hitlers Machtergreifung und dem Zweiten Weltkrieg sowie im Jahr 2019.

Im historischen Erzählstrang lernt Backfisch Luise, die Tochter eines gut situierten Lüneburger Kaufmanns, den Isländer Jónas kennen. Eigentlich könnte alles perfekt sein, denn Luise genießt den Rausch der ersten Liebe in vollen Züge. Wäre da nicht die Tatsache, dass Luise Jüdin ist und die Schikanen gegenüber ihr und ihrer Familie immer schlimmer werden. Irgendwann läuft es für die gesamte Familie auf die alles entscheidende Frage hinaus: bleiben oder gehen?

Im hier und jetzt flüchtet Sofie vor ihren Beziehungsproblemen nach Island. Als deutsche Schreinerin ist sie auf Island heiß begehrt und bekommt den Auftrag, ein altes Häuschen zu restaurieren. Durch einen Zufallsfund stößt sie auf die Aufzeichnungen von Luise und beginnt, sich in deren Geschichte zu verlieren. Eine Geschichte, die Sofie nicht mehr los lässt. Obwohl ihr Luises Nachkommen deutlich zu verstehen geben, dass niemand in der Vergangenheit rühren möchte. Auch nicht der attraktive und sehr verschlossene Björgvin, mit dem sie in einer unfreiwilligen WG lebt. Doch Sofie bleibt stur…

 

Prädikat: bewegend und spannend!

Wow. Was für ein bewegendes und spannendes Buch. Mich hat „Das Mädchen im Nordwind“ von der ersten bis zu letzten Seite in seinen Bann gezogen.

Wenn man die historischen Fakten kennt, war bei Luises Teil von Beginn an klar, dass die Lage für die jüdische Kaufmannsfamilie nicht besser werden würde. Ich hätte ihnen am liebsten zugerufen: lauft! Lauft so weit ihr könnt. Trotzdem habe ich verstanden, dass man eine Auswanderung so lange wie möglich hinauszögert, und dass man sich an jeden Strohhalm klammert. Frei nach dem mehrfach im Buch erwähnten Motto: „So schlimm kann es schon nicht werden.“ Die Wandlung Luises vom unbekümmerten, selbstbewussten Backfisch zu einer desillusionierten Frau, fand ich faszinierend zu lesen. Auch Jónas ist ein toller Charakter, an dem ich bewundert habe, wie schnell er erfasst hat, was in Deutschland alles falsch läuft.

 

Entspannung im „Heute“

Da mich die Szenen im historischen Erzählstrang teilweise sehr mitgenommen haben, war ich bei jedem Szenenwechsel froh, wenn ich wieder ins hier und heute und zu Sofies Geschichte zurückkehren durfte. Auch sie hat mit ihren ganz eigenen Problemen zu kämpfen, aber die waren deutlich trivialer als Krieg und Judenverfolgung. Ich habe sehr gerne davon gelesen, wie Sofie sich langsam an den entspannten isländischen Lebensstil gewöhnt und lernt, auf gewisse, typisch deutsche Eigenschaften wie Überpünktlichkeit und totale Effizienz zu verzichten. Was Björgvins Schweigsamkeit und seine Tendenz, vor Problemen davon zu laufen, betrifft, hätte ich mir vor allem am Ende eine kritischere Auseinandersetzung gewünscht. Denn mit so einem Verhalten kann einerseits eine Beziehung keine Zukunft haben, andererseits wird es ihm ohne professionelle Hilfe auch nicht gelingen, dieses Verhalten abzulegen.

 

Fazit

Von diesem kleinen Kritikpunkt abgesehen, hat mir mit „Das Mädchen im Nordwind“ auch das dritte Buch aus der Feder von Karin Baldvinsson super gut gefallen. Ich liebe einfach die isländische Atmosphäre ihrer Bücher. Gerade in der aktuellen Situation können wir Deutschen uns eine Scheibe von der entspannten isländischen Art abschneiden.

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