|Leseliebe| „Streulicht“ von Deniz Ohde

Nachdem mein erster Versuch im letzten Jahr erfolgreich war, habe ich mir vorgenommen, es als Tradition einzuführen, jedes Jahr einen Titel von der Longlist des Deutschen Buchpreises zu lesen. 2019 habe ich mir „Der Sommer meiner Mutter“ von Ulrich Woelk ausgesucht. Der hat es (obwohl die Geschichte mir persönlich sehr gut gefallen hat) nicht auf die Shortlist geschafft. Im Gegensatz zu „Streulicht“ von Deniz Ohde, für das ich mich in diesem Jahr entschieden habe.

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Streulicht von Deniz Ohde

 

Definitiv kein Wohlfühlbuch!

Ein „Wohlfühlbuch“ ist „Streulicht“ von Deniz Ohde ganz gewiss nicht. Zu hoffnungslos, grau und trist ist die Geschichte der namenlosen Protagonistin, die in einer Arbeitersiedlung in unmittelbarer Nachbarschaft zu einer großen Chemiefabrik aufwächst. Als Kind einer Mutter, die vor der Tristesse der türkischen Provinz nach Deutschland geflohen ist (nur um hier genauso hoffnungslos zu versauern), und eines deutschen Vaters, der mit seinen ganz eigenen Dämonen namens Alkohol und Messie-Syndrom zu kämpfen hat, fühlt sie sich bis ins junge Erwachsenenleben hinein ausgegrenzt und nirgends zugehörig.

Dabei wächst sie nicht allein sondern gemeinsam mit ihren zwei besten Freunden auf und geht mit diesen zur Schule. Da die jedoch aus der gefestigten Mittelschicht stammen, fühlt sie sich den beiden häufig fremd und unterlegen. So stellen sie schon gemeinsame Restaurantbesuche vor große Probleme, denn wie war das noch einmal mit dem Besteck?!

 

Schulversagerin?!

Eigentlich ist sie ein intelligentes, kleines Mädchen, dem das Gymnasium offen stehen sollte. Durch Missverständnisse, zu wenig Selbstvertrauen und dem Mangel an Lehrern, die sich einer verunsicherten Schülerin annehmen, findet dieser Schulweg ein abruptes Ende. Die Protagonistin kämpft sich über den zweiten Bildungsweg zum Abitur und schlussendlich an die Uni. Nur um dort erneut feststellen zu müssen, dass sie nicht dazu gehört. Und dass sie keine Ahnung hat, was man von ihr erwartet und was sie mit ihrem Leben anfangen soll…

 

Streulicht von Deniz Ohde

 

Schonungslose Aufdeckung der Schwächen des deutschen Bildungssystems

Wie bereits eingangs erwähnt – „Streulicht“ ist keine „Feel Good“-Lektüre. Zu plastisch schildert Deniz Ohde die Hoffnungslosigkeit ihrer Protagonistin – und deren gesamter Familie. Ja, sie versucht sich nach oben zu kämpfen. Eine „vom Tellerwäscher zum Millionär“-Erfolgsgeschichte wird trotzdem nicht daraus.

Am eindrücklichsten fand ich, wie sehr die Autorin bezüglich all dessen, woran das deutsche Schulsystem krankt, den Finger in die Wunder legt. Da werden ständig „gleiche Bildungschancen für alle“ propagiert, die Wahrheit sieht jedoch ganz anders. Viel zu sehr hängt der Bildungserfolg von der Herkunft ab. Und dafür ist die Protagonistin ein geradezu (im Negativen) leuchtendes Beispiel.

 

Zwischen den Welten

Besonders spannend fand ich es außerdem, einen Einblick in die Seele einer jungen Frau mit (zumindest halbem) „Migrationshintergrund“ zu bekommen. Wie zerrissen sie sich fühlt, weil sie keinerlei Bindung an die türkische Heimat ihrer Mutter hat, in Deutschland aber auch nicht als „echte“ Deutsche akzeptiert wird. Es war herzzerreißend zu lesen, wie sie sich als kleines Mädchen gewünscht hat, dass die Hauptfigur in einem Schulbuch ihren Namen trägt. Über so etwas habe ich mir nie Gedanken gemacht. Für mich war es z.B. immer selbstverständlich, dass ich eine Tasse oder einen Schlüsselanhänger mit meinem Namen würde kaufen können.

 

Fazit

Mich hat „Streulicht“ definitiv bewegt und zum Nachdenken angeregt. Der sehr nüchterne, teilweise nicht chronologische Schreibstil von Deniz Ohde mag auf den ersten Blick etwas sperrig erscheinen. Hat in meinen Augen jedoch gut zur Geschichte gepasst. Ich werde „Streulicht“ so schnell nicht vergessen…

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