|Leseliebe| „Større enn meg“ von Aksel Lund Svindal

Wenn es ein Buch in meinem Leben gibt, von dem ich nicht wusste, ob es je geschrieben wird, auf das ich aber trotzdem hin gefiebert habe wie auf kein zweites, dann ist es „Større enn meg“, die Autobiografie von Aksel Lund Svindal. Aksel war in den letzten knapp 15 Jahren mein absoluter Lieblingssportler. Die Kategorie „Lieblingssportler“ bedeutet bei mir, dass ich mich mit meinem ganzen Herzen an diesen Sportler hänge. Ich beschreibe es meist so, dass ich, wenn ich Fan eines Fußballclubs wäre und dieser absteigen würde, zu denen gehören würde, die am letzten Spieltag Rotz und Wasser heulend im Stadion sitzen. Entsprechend viele Höhen und Tiefen habe ich seit der Saison 2006/07 zusammen mit Aksel durchgemacht.

 

Større enn meg Cover

Das Cover.

 

Sicher sein, dass es diese Autobiografie jemals geben wird, konnte ich mir nie. Denn Aksel ist ein sehr „privater“ Mensch. Also jemand, dem es definitiv nicht leicht fällt, sein Innerstes mit der Welt zu teilen. Umso glücklicher war ich, als bekannt wurde, dass er Anfang November diesen Jahres eine Autobiografie veröffentlichen wird. Zum Glück gibt es mittlerweile E-Books, die man sich ganz unkompliziert aus aller Herren Länder online bestellen kann. Natürlich ist „Større enn meg“ auch eins der Bücher, die ich gerne „in echt“ in meinem Bücherregal stehen haben würde, aber die Versandkosten von Buchhandlungen aus Norwegen sind einfach unbezahlbar.

 

Ein Hoch auf mein Norwegisch…

Zum Glück ist mein Norwegisch gut genug, so dass ich „Større enn meg“ ohne große Probleme in der Originalversion lesen konnte. Ich muss also im Gegensatz zu vielen anderen nicht auf die deutsche oder englische Übersetzung warten. Allein dafür haben sich meine diversen Norwegischkurse an der VHS gelohnt (das geht auch raus an die Menschen in meinem Leben, die nie verstanden haben, warum ich mich bemüßigt sah, freiwillig eine recht exotische Sprache zu lernen. Manchmal macht man Dinge eben nur für sich und ohne echtes Ziel. Auch um geistig beweglich zu bleiben).

All denen, die auf die Übersetzung von Aksels Autobiografie warten müssen, möchte ich etwas über den Inhalt von „Større enn meg“ erzählen. Und ein bisschen brauche ich das auch für mich selbst und die Verarbeitung der Lektüre. Denn so viel geweint wie bei diesem Buch habe ich schon lange nicht mehr.

 

 

Pappa Svindal

Pappa Svindal mit Aksel und dem Baby-Bruder. Und einem interessanten Schlafanzug…

 

1.  Der Aufbau

Wie mittlerweile bei Biografien üblich, ist auch „Større enn meg“ nicht komplett chronologisch aufgebaut. Stattdessen wird mit Rückblenden und Ausblicken gearbeitet. Trotzdem ist es in die wichtigsten Stationen in Aksels Leben wie seine Kindheit, die frühen Jahre im Weltcup, die ersten Erfolge etc. gegliedert. Fotos dürfen da auch nicht fehlen. Vor allem die aus dem privaten Familienalbum sind witzig und interessant.

 

2. Der Fokus

Alle, die Aksels Geschichte ein bisschen kennen, wissen, dass er ein „Comeback“-Kid ist. Und so liegt der Fokus neben seinen Erfolgen besonders auf seinen Rückschlägen. Ich würde sogar sagen, dass – sowohl von der Intensität als auch rein von der Länge der Schilderungen her – sein erster großer Crash von Beaver Creek 2007 am meisten Raum einnimmt. Da ich damals schon Fan von Aksel war, ist dieser Horrorsturz bei mir noch immer sehr präsent (vor allem, da ich mich daran erinneren kann, wie ich Sölden 2007 im TV geschaut und gedacht habe: das läuft alles zu perfekt). Trotzdem hat „Større enn meg“ auch für mich eine ganz andere Dimension der Katastrophe zu Tage gefördert. Ich wusste, dass es schlimm um Aksel stand. Aber dass er noch Wochen später, als er bereits wieder daheim in Norwegen war, aufgrund des künstlichen Darmausgangs Schmerzen von der Stufe „ich werde gleich ohnmächtig“ hatte, war mir nicht bekannt. Zu lesen, wie schwach er damals war, hat mir die Tränen in die Augen getrieben.

 

Aksel tanzt

Mini-Aksel tanzt. Die Begeisterung steht im ins Gesicht geschrieben. Ich sehe in an „Skal Vi Danse“ teilnehmen.

 

 

3. Der Papa

Ich habe schon vor „Større enn meg“ öfters für mich gedacht, wie hat der Mann es nur geschafft, all die Dinge auszuhalten. Erst stirbt seine Frau bei der Geburt des dritten Sohnes. Das Baby wird bei dieser Geburt so schwer geschädigt, dass es ebenfalls nicht überlebensfähig ist. Dann verletzt sich Sohn Nummer 2 beim Skifahren schlimm am Rücken. Es ist nicht klar, ob er jemals wieder wird gehen können. Ein paar Jahre später kommt der Anruf aus den USA, dass Sohn Nr. 1 auf der Intensivstation liegt. Noch einmal ein paar Jahre später ist er beim Abflug von Sohn Nummer 1 in Kitzbühel an der Hausbergkante live dabei. Wie verarbeitet man so etwas? Hut ab vor diesem Mann, der es geschafft hat, seinen Kindern trotz der Trauer um die Mama eine tolle Kindheit zu bieten.

Manchmal frage ich mich, ob Aksel ein anderer Mensch geworden wäre, wenn seine Mutter nicht so früh gestorben wäre. Weniger fokussiert und diszipliniert. Nicht der trotz aller Erfolgt nette, bodenständige Kerl. Das frage ich mich bei mir selbst übrigens auch. Wäre ich mit einem „normalen“ Bruder genauso strukturiert und diszipliniert geworden? Oder hat mich der Status des „Schattenkinds“ (im „Schatten“ eines kranken Kindes aufgewachsen) zu einem besonders pflegeleichten Kind gemacht?

 

 

Aksel Zahnlücke

Aksel hat Zahnlücken und macht Faxen, sein Bruder bockt im Hintergrund.

 

4. Offenheit

Ich war von Anfang an gespannt darauf, wie viele private Details Aksel verraten würde. Denn ich wusste, dass er niemand ist, der sein ganzes Privatleben wie ein typischer Influencer („ich habe mir gedachte, ich nehme Euch da mal mit“ bzw. „weil so viele danach gefragt haben“) vor der Welt ausbreiten wird. Andererseits war ich mir sicher, dass ihm sehr wohl bewusst ist, dass er nicht alle privaten Momente würde aussparen können. Denn sonst macht eine Autobiografie keinen Sinn. Nach Lektüre von „Større enn meg“ muss ich sagen, dass er meiner Meinung nach die perfekte Balance gefunden hat. Er lässt den Leser an seinem Privatleben teilhaben, ohne den Schutz seiner Privatsphäre außer Acht zu lassen. So erzählt er z.B. aus seiner Sicht als kleiner Junge, wie es war, die Mama zu verlieren. Aber er lässt sich nicht seitenweise darüber aus, wie sein Papa diese Zeit erlebt hat. Er verrät, wie er Julia Mancuso quasi Alberto Tomba „entrissen“ und zum Tanzen aufgefordert hat. Obwohl er dafür seine Komfortzone verlassen musste. Aber er wäscht keine schmutzige Wäsche und tritt die Trennung breit. (Seine Ex-Freundin Gitte erwähnt er übrigens mit keinem Wort). Das fand ich gut, denn es passt zu ihm. Der immer für seine Leistung geachtet werden wollte. Und nicht um des „Starseins Willen“ im Rampenlicht stehen wollte.

 

Aksel mit Locken

Als ich vor ein paar Jahren zum ersten Mal ein Bild mit dieser Haarpracht gesehen habe, dachte ich ernsthaft, das sei eine Perücke…

 

5. Der professionelle Inhalt

Wer sich schon immer gefragt hat, wie es wohl sein mag, in Kitzbühel (oder einer anderen Weltcupstrecke) im Starthaus zu stehen und anschließend die Piste hinabzufahren, für den ist „Større enn meg“ perfekt. Denn Aksel schildert seine Gedanken und Rituale bei Rennen sehr eindrücklich. Vor allem den „Energieball“, den er von Beginn seiner Karriere an bis zum letzten Rennen in Åre in sich lodern gespürt hat, werde ich nie vergessen.

Warum die norwegische Presse sich vor allem auf die angebliche Kritik am norwegischen Skiverband gestürzt hat, ist mir ein Rätsel. Aksel setzt sich in einem Kapitel sehr dezidiert mit dem Thema Helmsponsor auseinander. Seine ganze „Kritik“ richtet sich darauf, dass in allen Ländern außer Schweden und Norwegen der Sportler selbst den Helmsponsor aussuchen darf. Und dass das einen finanziellen Nachteil für die schwedischen und norwegischen Skiläufer bringt. That’s it. Ich habe das beim Lesen als null kontrovers empfunden.

 

6. Die amüsanten Stellen

Auch wenn ich bei der Lektüre viele Tränen vergossen habe (der Tod der Mama, die Stürze von Beaver Creek und Kitzbühel, die Erkenntnis von Kitzbühel 2019, dass es nicht mehr weitergeht), gab es auch mindestens so viele Momente, bei denen ich grinsen musste.

Manchmal sogar ziemlich unerwartet. Wie dort, als er erzählt hat, dass er einst in der deutschen Provinz bei Regensburg zur Reha war. An einem Ort, an dem man sich zu 100% auf diese Reha konzentriert. Er mochte das. Ich musste laut los lachen, hatte ich doch erst vor kurzem einen Podcast zum „FC Hollywood“ gehört, wo davon die Rede war, wie schrecklich Mario Basler diesen Ort aus genau diesem Grund fand. Fußballer brauchen an so einem Ort wohl dringend Ablenkung, weshalb „Donaustauf“ im Volksmund auch „Donausauf“ genannt wird (bei Mario Basler geht die Geschichte sogar noch weiter, und es gibt ergänzend dazu die „Pizzeria-Affäre“). Das sagt so viel über den Charakter und die Einstellung von Aksel aus.

Alberto Tomba war Aksel nie böse, dass er Julia damals auf der Party von ihm „losgeeist“ hat. Im Gegenteil. Er hat Aksel dafür respektiert. Die zwei haben Telefonnummern ausgetauscht und Tomba textet Aksel mehr oder weniger regelmäßig. Hierbei hat Tomba in Aksels Adressbuch eine besondere Stellung inne: Aksel kennt niemanden, der mehr Emojis verwendet als Tomba. Die Textnachricht nach der Silbemedaille von Åre:

„Großartig Aksel! Der beste Abschied {Muskel-Emoji, Zwinker-Emoji, Silbermedaillen-Emoji}. Zwei Hundertstel zu Gold! Fuck!!! {Skiläufer Emoji, Herz-Emoji}. Keep in touch… Ich warte auf dich auf Sardinien diesen Sommer! {Lachendes-Emoji, Palmen-Emoji}.

 

Svindal Jansrud

 

7. Die anderen Athleten

Sehr ans Herz gegangen ist mir am Ende, zu lesen, wie schwer Aksel der Abschied aus dem Mannschaftsgefüge der „Attacking Vikings“ gefallen ist. Wie es ihm nicht unbedingt um weitere Medaillen und Erfolge geht. Er aber den „Teamspirit“ und die Kameradschaft vermissen wird.

Von Kjetil Jansrud, mit dem er unzählige gemeinsame Tage und Nächte im Hotel verbracht hat, verrät er gar nicht sooo viel. Was ich gut finde.

Besonders im Gedächtnis geblieben ist mir – neben der Erwähnung, wie viel es ihm bedeutet hat, dass Hirscher ihn bei seinem eigenen Abschied als seinen härtesten Konkurrenten bezeichnet hat – was für große Stücke Aksel auf Aleksander Aamodt Kilde hält. Nicht nur sportlich (denn wir wissen alle, dass der die schwersten Gewichte stemmen kann) sondern vor allem auch menschlich. Er betont an zwei Stellen, was für einen ausgleichenden Charakter Aleks hat und wie sehr er dessen Sinn für Gerechtigkeit schätzt.

 

Für mich ist „Større enn meg“ aus vielerlei Hinsicht ein Lesehighlight 2019. Denn für mich wurde der Traum war, dass mein Lieblingssportler eine Autobiografie geschrieben hat. So war die Lektüre schon allein emotional mit das Spannendste, was ich 2019 gelesen habe. Takk for alt, Aksel. Ha det bra!

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