|Leseliebe| „Reinhold Würth“ von Helge Timmerberg

Vielleicht ist es das Heimweh nach Hohenlohe, das mich dazu bewogen hat, zur Biografie von Reinhold Würth zu greifen. Denn dank „Social Distancing“ war ich schon viel zu lange nicht mehr in der Heimat. Aber sentimentale Gedanken beiseite, der eigentlich Grund ist, dass ich die Lebens- und Erfolgsgeschichte von Reinhold Würth sehr spannend finde. Zudem gibt es ein Thema, das mich aus beruflichen Gründen besonders interessiert…

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Rezension Reinhold Würth Der Herr der Schrauben von Helge Timmerberg

 

Von der „Klitsche“ zum Weltkonzern

Reinhold Würth wurde in den 30er Jahren im tiefsten Hohenlohe im Südwesten Deutschlands geboren und verbrachte dort seine (Kriegs-)Kindheit. Sein Vater machte sich nach dem Krieg mit einer kleinen Schraubenhandlung selbstständig. Reinhold Würth beendete die Schule so früh wie möglich, um als Lehrling in dieses Geschäft einzusteigen. Kurz darauf verstarb der Vater und Würth musste völlig überstürzt die Schraubenhandlung übernehmen. Damals ahnte keiner, dass dies der Startschuss zu einer beeindruckenden Erfolgsgeschichte sein sollte. Denn Würth machte aus der „Klitsche“ binnen kurzer Zeit einen Weltkonzern und stieg zu einem der reichsten Menschen Deutschlands auf.

Diesen Weg skizziert Helge Timmerberg in „Reinhold Würth – der Herr der Schrauben“. Außerdem versucht er Würths Erfolgsgeheimnis auf die Spur zu kommen und begleitet dessen „Abschiedstour“ rundum den Globus.

 

Ich möchte diese Rezension in mehrere Teile aufspalten, denn ich hatte beim Lesen das Gefühl, dass sich auch die Biografie so aufbaut.

 

Teil 1: die historischen Anfänge

Der Beginn hat mir sehr gut gefallen. Denn dort erfährt man einiges – sowohl über die Familiengeschichte der Würths als auch über die Kriegs- und Nachkriegszeit in Hohenlohe. Außerdem ist es beeindruckend zu lesen, wie dieser Weltkonzern einst seine Schrauben mit einem Leiterwagen von und zum Bahnhof transportiert hat.

Auch die durch den Tod des Vaters wie aus heiterem Himmel kommende Unternehmensnachfolge sowie die großen Erfolge der Wirtschaftswunderzeit und das Kennenlernen zwischen Würth und seiner Frau Carmen werden plastisch geschildert. Besonders im Gedächtnis geblieben ist mir in dem Zusammenhang Würths Mutter Alma, die ihrem „Buben“ mit auf dem Weg gegeben hat, sich immer nur im besten Anzug bei den Kunden blicken zu lassen. Wenn man sich das Cover der Biografie anschaut, scheinen die Worte der Mutter auch im hohen Alter von 85 Jahren, noch immer festverankert in Reinhold Würths Gedächtnis zu sein.

 

Teil 2: die Erfolgsgeschichte (und eine große Niederlage…)

Daran an schließen sich verschiedene Kapitel, in denen es vornehmlich um die Erfolgsgeschichte des Unternehmens (Rekordumsätze hier, Rekordumsätze da…) sowie wirtschaftsphilosophische Denkweisen geht. Diesen Teil fand ich nicht ganz so spannend. Zum einen, weil sich das Thema Rekorde ständig wiederholt. Zum anderen, weil ich mir gewünscht hätte, dass eine kritischere Auseinandersetzung mit Würth als Unternehmenschef stattfindet. Es klingt zwar durchaus an, dass er als Chef sehr fordernd war (der Umsatz stimmt nicht? Sofort Gespräch beim Chef!), aber die Auseinandersetzung mit der Frage, ob er nur fordernd oder auch überfordernd war, fehlt mir.

Wie eingangs erwähnt, war ich aus beruflichen Gründen besonders darauf gespannt, ob auch die Steueraffäre eine Erwähnung finden würde. Ja, tut sie. Diese verflixte 13. Steuerprüfung… Aber das Kapitel ist extrem kurz gehalten. Außerdem wirft es eher Fragen auf, als dass es welche beantwortet. Ich vermisse eine Begründung des Autors, warum dieses Thema so spärlich behandelt wird. Durfte oder wollte Würth nicht darüber reden?

 

Rezension Reinhold Würth Der Herr der Schrauben von Helge Timmerberg

 

Teil 3: Kunst und andere Leidenschaften

In diesem Abschnitt spielt Würths Begeisterung für die Kunst eine große Rolle. Diesen Aspekt finde ich sehr spannend, denn dieses „Hobby“ ist das beste Beispiel dafür, warum Würth in mancherlei Hinsicht kein „typischer“ Hohenloher ist. Die haben nämlich üblicherweise die auch bei Würth stark ausgeprägte fleissige Arbeitsauffassung (schaffiger Samstag und so), andererseits aber eine eher pietistisch anmutende Lebensauffassung. Und ganz sicher keinen Drang, im Mittelpunkt zu stehen. Da entspricht ein anderer, hocherfolgreicher Unternehmer aus der Region der Weltmarktführer, von dem es kaum ein Bild in der Öffentlichkeit gibt, vielmehr dem Ideal des typischen Hohenlohers als Würth. Der ist mit seiner Leidenschaft für die Kunst, Flugzeuge, Yachten und edle Wohnsitze im Ausland sehr weit vom bodenständigen und bescheidenen Hohenloher entfernt. Aber genau das macht die Faszination seiner Persönlichkeit aus.

Bewegend war auch das Kapitel, das sich seinem behinderten Sohn widmet. Dem ersten Menschen mit Behinderung, der jemals in Deutschland entführt wurde.

 

Teil 4: der Abschied / die persönlichen Befindlichkeiten des Autors

Etwas verwundert haben mich die Ausführungen zurückgelassen, in denen der Autor Helge Timmerberg versucht, sich auf persönliche Art und Weise Würth anzunähern. Hierzu muss man wissen, dass Timmerberg von Würth angesprochen wurde, ob er diese Biografie schreiben möchte. Allerdings kannten sich die beiden Herren zu dem Zeitpunkt nur flüchtig. Außerdem könnten die beiden kaum gegensätzlicher sein. Denn nach allem, was ich über Timmerberg gelesen habe, würde ich den eher in die Kategorie „Alt 68er“ (inklusive Drogenvergangenheit?!) stecken. Also meilenweit entfernt von Reinhold Würth. Die Idee, dass jemand mit einem so gegensätzlichen Lebensentwurf versucht, sich diesem anzunähern, finde ich grundsätzlich gut. Allerdings muss ich trotzdem zugeben, dass ich aus den entsprechenden Kapiteln überhaupt nicht schlau geworden bin. Ich hatte die ganze Zeit ein Fragezeichen über meinem Kopf. Frei nach dem Motto: „was möchte uns der Autor damit sagen?!“.

 

Zum Abschluss

Trotz gewisser Mängel, fand ich diese Biografie sowohl informativ als auch unterhaltsam. Und das ist für ein Sachbuch doch schon eine ganze Menge…

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