|Leseliebe| „Sommer in Niendorf“ von Heinz Strunk

Seit zwei, drei Jahren habe ich es mir zur Tradition gemacht, mindestens einen Titel der Longlist des Deutschen Buchpreises zu lesen. Zum einen, weil mich interessiert, welche Titel auf der Longlist landen. Zum anderen als kleine Herausforderung, um außerhalb meiner Komfortzone zu lesen. In diesem Jahr habe ich mich für „Sommer in Niendorf“ von Heinz Strunk entschieden. Einfach weil es ein bekannter Autor ist, von dem ich noch nie etwas gelesen (oder in dem Fall als Hörbuch gehört) habe. Außerdem habe ich den Eindruck, dass ansonsten eher ernste, dramatische und tragische Bücher auf der Longlist landen. Da sticht eine sarkastische Geschichte wie „Sommer in Niendorf“ heraus.

Werbung: das Rezensionsexemplar (Hörbuch) wurde mir von netgalley kosten- und bedingungslos zur Verfügung gestellt.

 

Sommer in Niendorf_Heinz Strunk_Rezension

 

Niedergang in Niendorf

Der (erfolgreiche?) Wirtschaftsanwalt Roth nimmt sich eine sommerliche Auszeit. Seine Pläne: abschalten und an seinem ersten Buch – Thema: die eigene Familiengeschichte – arbeiten. Dem Anlass angemessen mietet er sich im gemächlichen Niendorf an der Ostsee in eine Ferienwohnung ein. Das mit dem Autorendasein entpuppt sich als weit weniger erfolgsversprechend als von Roth antizipiert. Denn es kristallisiert sich heraus, dass es ihm sowohl an Talent als auch an Durchhaltevermögen mangelt.

Obwohl Roth ihm anfänglich eher unfreundlich begegnet, drängt sich der Verwalter der Ferienwohnung schleichend in Roths Leben. Die Kombination aus gescheitertem Buchprojekt, zu viel freier Zeit und skurrilen Bekanntschaften aus der Unterschicht führt Roth in eine Abwärtsspirale aus Alkohol, Gewalt und Verwahrlosung. Steht am Ende die Metamorphose von Roth in den von ihm anfänglich verlachten Breda – seines Zeichens Verwalter von Ferienwohnungen, Strandkorbdreher und Spirituosenhändler?

 

Sympathieträger? Fehlanzeige

Was für eine kuriose Erzählung. Hauptprotagonist Roth ist wahrlich kein Sympathieträger. Was, wenn ich so recht darüber nachdenke, für beinahe alle handelnden Personen gilt. Was zur Folge hat, dass Roth mir beim Hören des Hörbuchs ab und an so richtig auf die Nerven gefallen ist. Aber das spricht in meinen Augen FÜR und nicht gegen „Sommer in Niendorf“. Denn ich denke, diese Genervtheit ist genau das, was Heinz Strunk erreichen möchte. Sehr erhellend, einmal direkt in den Kopf eines sexistischen Volltrottels zu blicken, dessen körperlicher Verfall offensichtlich voranschreitet, der sich aber trotzdem für unwiderstehlich hält.

Manchmal tat mir Roth sogar ein bisschen leid, denn sein Niedergang war mehr als drastisch ersichtlich. Das Ende empfand ich als genauso speziell wie die gesamte Geschichte. Denn es wurde in mir das Gefühl wach, dass ich am liebsten umgehend einen Interpretationsaufsatz über „Sommer in Niendorf“ schreiben möchte.

 

Hörbuch

Das Hörbuch wird vom Autoren selbst gelesen. Für mich die perfekte Sprecherwahl, da Heinz Strunck sowohl wegen seines norddeutschen Akzents als auch seiner schnodderigen Art zu lesen, perfekt zu der humorigen und eigenwilligen Geschichte passt.

 

Fazit und Aussichten auf den Deutschen Buchpreis

Denke ich, dass „Sommer in Niendorf“ Chancen auf den Deutschen Buchpreis hat? Ich weiß es nicht. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass die Geschichte fast zu massentauglich und schwarzhumorig für den Sieg beim Deutschen Buchpreis ist.

Mir persönlich hat „Sommer in Niendorf“ gut gefallen, auch wenn mir Roth vor allem wegen seiner unsympathischen Attitüde im Gedächtnis bleiben wird.

 

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