|Leseliebe| „Das Land von dem wir träumen“ von Anna Thaler

Südtirol ist für mich einer der schönsten Orte überhaupt. Die Natur dort – vor allem die Bergwelt – ist durch nichts zu toppen. Zudem ist die Qualität der heimischen Küche unfassbar gut. Ich habe noch keine Hütte in Österreich oder Bayern gefunden, die annähernd das bietet, was in Südtirol  in den Bergen aufgetischt wird. Wegen dieser großen Südtirol-Liebe ist mir „Das Land von dem wir träumen“ von Anna Thaler direkt ins Auge gefallen. Denn so hoch der Lebensstandard in Südtirol mittlerweile ist, so bewegt ist auch die Landesgeschichte. Weshalb ich mir von einem historischen Südtirol-Roman viel Spannung versprochen habe.

Werbung: das Rezensionsexemplar (Hörbuch) wurde mir von netgalley kosten- und bedingungslos zur Verfügung gestellt.

 

Das Land von dem wir träumen von Anna Thaler

 

Eine junge Frau in Südtirol zwischen den Weltkriegen

Franziska wächst als einzige Tochter eines gutsituierten Bauern zwischen den beiden Kriegen zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Südtirol auf. Bewegte Zeiten für diesen eigentlich idyllischen Landstrich, der in Folge des 1. Weltkriegs Italien zugeschlagen wurde. Die Italiener treiben die Italianisierung Südtirols mit aller Macht voran, was Franziska am eigenen Leib zu spüren bekommt. Denn sie hat gerade ihr Lehramtsstudium in Innsbruck beendet, bekommt aber in ihrer Heimat kein Jobangebot, da dort an den Schulen nur noch auf Italienisch unterrichtet wird.

 

Ein Leben voller Spannungen

Sie kehrt trotzdem heim. Aber auch auf dem Bauernhof ihrer Eltern herrschen große Spannungen. Der Vater duckt sich weg und gibt sich gegenüber der italienischen Obrigkeit als besonders angepasst, ihre beiden Brüder sind schwer vom Kriegt traumatisiert und ihre Mutter scheint in ihrer ganz eigenen Welt zu Leben. Halt findet Franziska vor allem in der verbotenen Katakombenschule, die sie gründet. Und bei Knecht Wilhelm, der selbst einiges zu verbergen hat…

 

Dramatische Geschichte mit Hoffnungsschimmer

Die bewegte Geschichte Südtirols zu Beginn des 20. Jahrhunderts eignet sich perfekt für eine dramatische Familiensaga wie „Das Land von dem wir träumen“. Denn die Art und Weise, wie die Südtiroler Landbevölkerung versucht, sich gegen die italienische Unterdrückung zu wehren, bietet für sich genommen genügend Stoff für zahllose Bücher.

Gleichzeitig lassen mich solche Geschichten auch mit einem warmen Gefühl der Hoffnung zurück, zeigen sie doch, dass sich ein Landstrich von Krieg und Oppression erholen und zu einer Idylle mit sehr hohem Lebensstandard werden kann.

 

Viel Lokalkolorit

Ebenfalls gut gefallen hat mir, dass abseits der großen politischen Herausforderungen auch die allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklungen ihren Platz im Buch finden. So schreibt Anna Thaler z.B. vom beginnenden Tourismus und den ersten Apfelplantagen.

Insgesamt habe ich noch einmal einiges über Südtirol gelernt. So wusste ich z.B. nicht, dass der typische blaue „Schurz“, den die älteren Männer in Südtirol noch heute tragen, damals als Symbol des Widerstands der Südtiroler gegen die Italianisierung galt und das Tragen entsprechend geahndet wurde.

 

Eine spröde Protagonistin und ein teuflischer Antagonist

Franziska selbst ist eine eher spröde Heldin. Ich mochte sie, aber so richtig ans Herz gewachsen ist sie mir nicht. Trotzdem habe ich ihren steinigen Weg gerne verfolgt und mit ihr gebangt und gelitten.

Ihr Bruder Leopold ist ein erstklassiger Antagonist, an dem wirklich so rein gar nichts liebenswert scheint. Was für eine unangenehme Person. Das kann ich trotz Leopolds Kriegstrauma hier so schreiben, denn es wird in der Geschichte mehr als deutlich, dass er auch schon vor dem 1. Weltkrieg ein zweifelhafter Charakter gewesen ist.

 

Ende mit kleinem Schönheitsfehler

Das Ende ist für sich selbst genommen zwar sehr rund, aber für mich doch ein kleines bisschen unbefriedigend. Denn es ist vor dem Ausbruch des 2. Weltkriegs angesiedelt, und ich weiß einfach zu viel über die vielen Herausforderungen, die Südtirol bis hinein in die 1960er Jahre bevorstehen. Deshalb kann es für mich an der Stelle noch kein „Happy End“ für Franziska geben. Da werden wir wohl auf die weiteren Bände der Reihe warten müssen…

Für mich war „Das Land von dem wir träumen“ perfekt als Hörbuch geeignet. Denn ich konnte der Geschichte gut folgen und die paar Längen, die die Geschichte in meinen Augen hatte, fallen bei Hörbüchern weit weniger ins Gewicht als beim Lesen.

 

Fazit

„Das Land von dem wir träumen“ ist ein gelungener historischer Roman, der mir die Geschichte Südtirols ein weiteres Stück näher gebracht hat. Schade nur, dass sich keiner der Charaktere in mein Herz schleichen konnte. Irgendwie habe ich während der gesamten Erzählung eine gewisse Distanz zu den handelnden Personen empfunden. Aber das ist nur mein ganz persönliches Empfinden und tut der grundsätzlichen Qualität des Buches keinen Abbruch.

 

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