|Alltagstrott| Social Distancing

Lange habe ich nichts hier auf dem Blog veröffentlicht. Ich glaube nicht, dass ich jemals zuvor eine so lange Pause gemacht habe. Aber wie so vielen fiel es mir in den letzten Wochen schwer, meine Gedanken in Worte zu fassen. Irgendwie ist es seit dem 12.03.2020 – dem Tag, als ich nach dem Chat mit einer italienischen Freundin den Ernst der Lage begriffen habe – ein ständiges Auf und Ab der Gefühle. Ich versuche mich nicht unterkriegen zu lassen und für mich persönlich positive Dinge aus dem Phänomen „Social Distancing“ zu ziehen. Neben so philosophischen Anwandlungen wie „hat der liebe Gott / eine höhere Macht uns den Stecker gezogen, weil er / sie / es sich lange genug angesehen hatte, wie wir in Sachen „Klimakrise“ herum geeiert haben?!“

Heute möchte ich Euch deshalb die 5 Dinge (so marginal, „random“ und trivial sie auf den ersten Blick erscheinen mögen) auflisten, die ich in den letzten 2 1/2 Wochen des „Social Distancing“ meinem persönlichen Erfahrungsschatz hinzugefügt habe.

 

Social Distancing Wandern

Und egal was sonst so passiert – plötzlich war der Frühling da.

 

1. Introvert?! Bin ich.

Ich stecke mich schon seit längerer Zeit in die Kategorie „introvertiert“. Mir persönlich hat es sehr geholfen, zu erkennen, dass ich nicht seltsam sondern introvertiert bin. Nicht, dass ich in meiner Vergangenheit todunglücklich gewesen wäre, aber genervt hat es mich manchmal schon, dass ich so anders war als meine Klassenkameraden oder Studienkollegen. Dass mir „Beverly Hills 90210“ als Samstagshighlight genügt hat, und ich nie den Drang verspürt haben, die Nächte durchzutanzen. Trotzdem hat man mir damals – mindestens unterschwellig – zu verstehen gegeben, dass ich nicht der Norm entspreche. Wobei ich seit einem Klassentreffen auch weiß, dass manche Klassenkameraden mich nicht unsympathisch oder komisch fanden sondern dachten, ich wolle nichts mit ihnen zu tun haben. Also das altbekannte Vorurteil gegenüber Introvertierten: = unnahbar = arrogant.

 

Social Distancing Kochend durch Corona Schoko Porridge

Heiß geliebtes, warmes Frühstück: Schokoladen Porridge

 

Die aktuelle Krisensituation beweist mir jeden Tag: ja, ich bin introvertiert. Denn wenn man die Zukunftsangst, die Traurigkeit (wenn ich z.B. von Menschen lese, die in italienischen Hospitälern einen einsamen Tod sterben) und die Fassungslosigkeit abzieht, geht es mir in der gegenwärtigen Isolation – ich traue es mich kaum auszusprechen – ziemlich gut.

Sicher spielt eine Rolle, dass ich weiß, dass viele genauso alleine daheim sitzen (Isolation während der gesamte Freundeskreis im Urlaub weilt, wäre sicherlich eine andere Hausnummer). Aber für mich ist es nicht schlimm, mit den besten Freunden und der Familie nur per WhatsApp und Telefon Kontakt zu haben. Ich hatte schon immer eine Schwäche für die soziale Funktion des Internets und liebe die kreativen Live Sessions auf Instagram oder YouTube, die das „Social Distancing“ erblühen lässt.

 

Social Distancing Wandern Spring is coming

Abendwanderung

 

Ansonsten genieße ich es, alleine in der Wohnung meinen Alltag völlig frei zu gestalten. Ich habe mich (Stand heute) noch keine Sekunde einsam gefühlt. Nicht einmal an meinem Geburtstag. Ich habe kurz darüber nachgedacht, warum ich so empfinde. Und dabei ist mir eingefallen, dass mein persönlicher Alptraum ziemlich genau das Gegenteil hiervon wäre. Nämlich für mehr als 3 Tage mit 10 Menschen zusammen in einem Haus verbringen zu müssen. Mir fällt keine passende Situation aus dem realen Leben hierzu ein. Außer ich käme auf die Schnapsidee, beim „Bachelor“ teilnehmen zu wollen. Zu viele Menschen und den Tagesablauf nicht selbst bestimmen zu können, das würde mich an den Rand des Wahnsinns bringen.

 

Social Distancing Kochend durch Corona Pesto Schnecken

Hefeteigschnecken (purer Luxus dieser Tage – ich habe tatsächlich noch ein bisschen Trockenhefe daheim) gefüllt mit Pesto und getrockneten Tomaten. Mega lecker. Mein Herz blutet für Italien. Ein Land, dessen Küche ich nicht missen möchte. Und das vegane Pesto von einer großen, italienischen Nudelmarke ist da ein kleiner Teil davon.

 

2. Home Office?! Ja, bitte.

Ich gehöre zu den Privilegierten, die gegenwärtig ihre vollen 41 Arbeitsstunden aus dem Home Office arbeiten können. Allein über diese Möglichkeit bin ich super glücklich. Denn in so einer Ausnahmesituation ist es in meinen Augen wahnsinnig wichtig, sich möglichst viel Normalität zu bewahren und in die Arbeit abtauchen zu können. Ich habe mich mit meinem Team hervorragend organisiert (inklusive allmorgendlicher TelKo ab 10:00 Uhr). Dafür nehme ich sogar in Kauf, dass ich einen Teil meines Esstisches als Schreibtisch opfern musste und auf meinem Lesesessel nun 6 Leitzordner thronen.

Davor habe ich die Möglichkeit, ins Home Office zu gehen, jahrelang kategorisch für mich ausgeschlossen. Schließlich habe ich keinen super langen Arbeitsweg und möchte gerne den persönlichen Kontakt zu den Kollegen halten. Außerdem war ich immer pro strikte Trennung zwischen Wohnung und Arbeit. Und besteht nicht auch die Gefahr, daheim nicht in den Arbeitsmodus zu kommen und stattdessen die Zeit zu vertrödeln?

 

Magnolien im Frühling

Magnolien dürfen im Frühling natürlich auch nicht fehlen.

 

Ganz ehrlich? Das war sehr kurzsichtig gedacht. Ich habe mich innerhalb einer Viertelstunde fokussiert und motiviert an meinem neuen Heimarbeitsplatz eingefunden. Ich liebe die Stille und die absolute Konzentration, in der ich arbeiten kann. Dass ich vor allem morgens mit niemandem reden muss und ganz in meinem Tempo im Tag ankommen kann. #iamnotamorningperson

Ich bin so begeistert, dass ich fest plane, mir ein richtiges Home Office einzurichten (Anschaffung eines Schreibtischs plus Bürostuhls) und auch künftig für mindestens einen Tag in der Woche die Möglichkeit zu nutzen, von daheim aus zu arbeiten.

Auch auf die Gefahr hin, wie ein totaler Nerd zu klingen: mir hat es sehr viel Spaß gemacht, mit meinem Team an der Ausgestaltung des Home Office zu tüfteln. Das sind die Dinge, die ich an meiner Arbeit über alles schätze: dass sie mir viele Freiheiten lässt, um mich selbst zu organisieren. Dass es niemanden gibt, der sagt, „das müsst ihr so und so machen“. An der Stelle auch ganz viel Liebe für meinen Teamkollegen, der die beste 60er-Jahre Chefsekretärin abgeben würde. Mit Sätzen wie „ich habe das gestern Abend mal recherchiert und mit dem iPhone kann man ganz simpel eine TelKo für drei Teilnehmer einleiten…“

 

Social Distancing Kochend durch Corona Schoko Bananen Pancakes

Wahnsinnig lecker: Schokoladen Bananen Pancakes

 

3. Kochend durch die Krise

Mich hat diese Krisensituation sehr geerdet. Es war wie eine abrupte Landung auf dem Boden der Tatsachen. Sofort war klar, was wirklich wichtig ist. Neben Klopapier (hö hö hö) gehört definitiv gutes Essen dazu. Und nein, es waren nicht die unzähligen Instagramer, die mich durch extensives Bananenbrotbacken dazu gebracht haben. Ich habe von Anfang an den Wunsch nach zwei warmen Mahlzeiten pro Tag verspürt. Und so koche und backe ich mich seit zwei Wochen mit mehr oder minder aufwändigen Gerichten durch die Isolation.

Ganz nebenbei ist mir dabei aufgefallen, dass ein Prinzip der ayurvedischen Küche definitiv stimmt: ein warmes Frühstück tut so, so gut. Ich mache mir jeden Morgen ein warmes Gericht wie Porridge, Baked Oatmeal oder Pancakes. Und werde jetzt schon wehmütig, wenn ich daran denke, dass ich in meinem normalen Büroalltag darauf werde verzichten müssen (denn ich kann sofort nach dem Aufstehen nichts essen und frühstücke deswegen erst im Büro. Ganz abgesehen davon, dass es zu zeitaufwändig wäre).

 

Social Distancing_Wandern_Blick auf den Neckar

Ich habe eine ziemlich coole „Wanderroute“ ausgetüftelt. Im Bild: Blick auf den Neckar von den Weinbergen aus.

 

4. Mehr Zeit zur freien Verfügung?

Habe ich irgendwie nicht. Was wahrscheinlich daran liegt, dass ich meinen Job weiterhin in Vollzeit ausübe(n darf) und in den ersten beiden Wochen des „Social Distancing“ sehr, sehr viel spazieren war. Ich hatte jeden Abend den Drang, mindestens 10.000 Schritte zu gehen. War wahrscheinlich eine Mischung aus „endlich Frühling!“ und der Angst, bald wie in Italien in die Wohnung eingesperrt zu werden. Ich bin unendlich dankbar, dass Sport alleine an der frischen Luft weiterhin erlaubt ist.

Trotzdem gehöre ich zu denen, die die Zeit des „Social Distancing“ produktiv nutzen möchten. Ich weiß, mittlerweile gibt es in den sozialen Medien den gegenteiligen Trend („alles kann, nichts muss“), aber meinem Naturell entspricht es so viel mehr, mich intensiv mit verschiedenen „Projekten“ zu beschäftigen. Deshalb habe ich mir an den letzten beiden Freitagen jeweils einen Urlaubstag gegönnt (20 Tage alter Urlaub aus 2019 müssen ja auch irgendwie weg und werden dieses Jahr wohl eher nicht in Südtirol oder auf Mallorca verbracht werden). Und meine verlängerten Wochenenden – neben mit eher semi-unterhaltsamen Dingen wie Fensterputzen (mit Podcast auf dem Ohr aber gar nicht so übel…) – mit einem „Bullet Journal“-Onlinekurs, Watercolour (das Buch habe ich mir selbst zum Geburtstag geschenkt) und den wundervollen Yoga-Videos von Yoga13 aus Stuttgart verbracht.

 

Social Distancing Kochend durch Corona Baked Oatmeal

Noch ein neuer Favorit von mir: Baked Oatmeal.

 

5. Lesend durch die Krise

Ich kann mich kaum an Zeiten in meinem Leben erinnern, in denen ich NICHT viel gelesen habe. Trotzdem muss ich an dieser Stelle erwähnen, wie sehr mir das Lesen in Zeiten des „Social Distancing“ hilft. Ich genieße es, morgens im Bett zu sitzen und möglichst viele Seiten in meinem aktuellen Buch zu lesen. Für mich der schönste Start in den Tag.

Zufällig habe ich dabei drei Bücher ausgewählt, die ziemlich gut zur aktuellen Situation passen. Von diesen plane ich Euch, in den kommenden Tagen zu berichten.

 

Zum Abschluss möchte ich noch einmal betonen, dass es mir nicht darum geht, die aktuelle Situation zu romantisieren. Ich bin mir durchaus meiner privilegierten „Home Office“-/“sicherer Job“-Situation bewusst. Für mich ist es einfach wichtig, mich nicht nur auf die negativen sondern eben auch auf die positiven Dinge zu konzentrieren und die richtigen Schlüsse für die Zukunft zu ziehen. Passt auf Euch auf!

 

2 Kommentare

  1. Hallo liebe Steffi,
    ich freue mich, dass du aus der Krise etwas Positives für dich ziehen konntest. Ich arbeite aktuell auch noch. Allerdings nicht im Homeoffice. Ich war eigentlich auch immer der Meinung, dass man Arbeit und Freizeit räumlich voneinander trennen sollte, damit man eben auch noch etwas Freizeit hat. Dass die neue Arbeitsweise so gut für dich funktioniert freut mich sehr. Auch die Tatsache, dass du jetzt nicht mehr Freizeit hast, kann ich nachvollziehen. Bei mir fallen auch nur wenige Dinge weg, die ich vorher machen konnte und jetzt nicht mehr machen darf. Im Detail: Tanzunterricht und meine Yogastunden. Ich habe mir angewöhnt gelegentlich zu Hause Yoga vorm Fernseher auszuüben.
    Tatsächlich habe ich auch das Gefühl momentan ein wenig weniger zu lesen. Dass du dankbar dafür bist, dass du rausgehen kannst und dass du diese Möglichkeit auch nutzt, kann ich ebenfalls gut nachvollziehen. Ich denke es ist wichtig Abstand zu anderen Menschen zu wahren. Etwas, was ich auch täglich auf der Arbeit versuche und was auch funktionieren kann, wenn jeder mitmacht :o)

    Ganz liebe Grüße
    Tanja

    • glimrende
      Autor
      4. April 2020 / 19:37

      Hallo Tanja,
      ich vermisse meinen Yoga-Kurs auch. Allerdings gibt es von den Stuttgarter Yoga Studios aufgrund der aktuellen Situation einige coole Live-Sessions, die man auf Instagram, Facebook und YouTube mitmachen kann. Die Stunden werden im Anschluss gespeichert, so dass man sie auch später machen kann. Du findest sie unter „Yoga13“ bzw. „0711 Yoga Collective“. Ist für mich eine tolle Möglichkeit, in verschiedene Stile und Studios hinein zu schnuppern.

      Es freut mich, dass es Dir gut geht 🙂

      Viele Grüße.

      Steffi

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.