Thomas Mann begleitet mich, seit ich in der 10. Klasse ein Referat über ihn und „Die Buddenbrooks“ gehalten habe. Für mich sind die Manns die spannendste Familie, die Deutschland zu bieten hat. Anhand deren Geschichte man auch erschreckend viele Parallelen zur Gegenwart ziehen kann. Zum Thema Demokratiefeindlichkeit, Faschismus und der Etablierung von Diktaturen. Entsprechend gespannt war ich, ob „Thomas Mann – Ein Leben“ von Tilmann Lahme eine neue Facette dieser einzigartigen Familiengeschichte zeigen würde.
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Neuer Blick auf Thomas Mann
Es gibt unzählige Bücher über Thomas Mann und seine Familie, so dass man sich fragen kann, ob eine weiter Biografie überhaupt neue Erkenntnisse bringen wird. In Bezug auf „Thomas Mann – Ein Leben“ von Tilmann Lahme konnte ich diese Frage bereits nach wenigen Seiten mit „ja, die Nachwelt braucht dieses Buch“ beantworten. Denn der Ansatz, den Tilmann Lahme präsentiert, wirft ein komplett neues Licht auf den großen Dichter und Denker. Manch bereits bekannte Tagebuchstelle, Aussage von Zeitzeugen und Storyline aus Thomas Manns Werk ließ es bereits erahnen, aber Tilmann Lahm bringt es als Erster ganz klar auf den Punkt: Thomas Mann war homnosexuell / hat seine Homesexualität unterdrückt.
Dies ist keine Behauptung, die Tilmann Lahme einfach so in den Raum stellt. Er begründet sie anhand zahlreicher Quellen. Besonders eindrücklich fand ich in dem Zusammenhang die geballte Auflistung von Tagebuchauszügen von Thomas Mann, die bislang geheimgehalten wurden, um Thomas Mann weiterhin als Familienvater von sechs Kindern mit einer langjährigen Ehe und maximal homoerotischen Anwandlungen zu porträtieren. Wenn man diese geheimen Tagebucheinträge direkt hintereinanderweg liest, wird glasklar, was da vertuscht werden sollte.
Schwieriger Ehemann…
Wenn man Thomas Mann als Kind seiner Zeit sieht, hat man durchaus Verständnis dafür, dass er sich entschloss, seine Neigungen nicht auszuleben. Im Kaiserreich wäre es ihm als offen homosexuell lebender Mann niemals gelungen, eine derartige Schriftstellerkarriere hinzulegen. Das wäre Karriereselbstmord gewesen.
Trotzdem muss man kritisieren, dass es gegenüber seiner Frau nicht fair war, sie in diese Ehe zu drängen. Der Autor stellt hier einen Zusammenhang zwischen Katia Manns immer wiederkehrenden gesundheitlichen Problemen und dem, was sie als Thomas Manns Ehefrau alles erdulden musste (Stichwort wiederkehrende Schwärmereien für junge Knaben; von dem gigantischen „mental load“ als Mutter von sechs Kindern und Versorgerin eines kapriziösen Künstlerehemanns ganz zu schweigen), her.
… und schwieriger Freund
Intensiv beschäftigt sich der Autor zudem mit Thomas Manns wechselvoller Freundschaft mit einem ebenfalls seine Homosexualität bekämpfenden Jugendfreund. Hier zeigt sich Thomas Mann – für alle, die schon einiges über ihn gelesen haben, wenig überraschend – als schlechter Freund, der seinen Gegenüber in Briefen regelmäßig abkanzelt und sich gerne über seine Mitmenschen stellt.
Das Werk
Besonders gut gefallen hat mir, dass sich Tilmann Lahme in „Thomas Mann – Ein Leben“ ausführlich dem Werk von Thomas Mann widmet. So enthält diese Biografie passend zum jeweiligen Abschnitt in Thomas Manns Leben eine tiefgreifende Einordnung der Romane und Novellen, die der Autor zur jeweiligen Zeit verfasst hat. Das bringt einem Thomas Mann noch einmal sehr viel näher und weckt die Lust, mehr aus der Feder von Thomas Mann zu lesen.
Fazit
Tilmann Lahme schafft es, komplett neue Details aus dem Leben von Thomas Mann ans Tageslicht zu bringen. Mich hat diese Biografie hervorragend unterhalten. Die Mischung aus Tagebucheinträgen, Briefen, Aussagen von Zeitzeugen, Fotos und Interpretation des Werks von Thomas Mann war in meinen Augen perfekt. Ein tolles Buch, das es verdient hat, auf der Liste für den „Deutschen Sachbuch Preis“ zu stehen.
