|Leseliebe| „Diese eine Liebe wird nie zu Ende gehen“ von Susanne Matthiessen

Als ich die Lebenserinnerungen von Susanne Matthiessen an ihre Heimatinsel Sylt entdeckt habe, hat mich dieses Hörbuch spontan angesprochen. Das mag zum einen daran gelegen haben, dass ich selbst schon auf Sylt war – allerdings im Rahmen meines wenig geliebten Schullandheimaufenthalts. Zum anderen klang allein der Buchtitel „Diese ein Liebe wird nie zu Ende gehen“ – eine Zeile aus dem berühmten Song „Der Ärzte“ – irgendwie faszinierend.

Werbung: das Rezensionsexemplar (Hörbuch) wurde mir von netgalley kosten- und bedingungslos zur Verfügung gestellt.

Diese eine Liebe wird nie zu Ende gehen von Susanne Matthiessen

 

Eine Sylter Jugend

Susanne Matthiessen hat ihre Kindheit und Jugend in den 1960er bis 1980er Jahren auf Deutschlands berühmtester Insel Sylt verbracht. Ihre Eltern gehören als Inhaber eines Pelzgeschäfts zur Garde der geschäftstüchtigen Sylter „Ureinwohner“. In „Diese eine Liebe wird nie zu Ende gehen“ teilt die Autorin ihre Erinnerungen an eine verrückte Jugendzeit zwischen Promis, Punks und Tourismus.

 

Gewöhnungsbedürftiger Start, aber dann…

Zu Beginn des Hörbuchs war ich ein bisschen skeptisch, ob das meine Art von Buch werden könnte. Denn ich empfand das erste Kapitel als „jammerige“ Schelte an der Corona-Politik. Ohne dass Alternativvorschläge zu den getroffenen Maßnahmen benannt wurden. Zum Glück hat sich der Erzählton danach abrupt ins Positive gewandelt.

 

Dem Untergang geweiht?

Susanne Matthiessen blickt kritisch und trotzdem liebevoll auf ihre Heimat Sylt und was dort in den vergangenen 50 Jahren passiert ist. Vieles davon wurde von ihren Eltern und anderen Vertretern dieser Generation aktiv mitgestaltet. Das brachte der Insel einerseits unsagbaren Reichtum. Andererseits begann auch eine Art „Ausverkauf“ der Insel, der darin gipfelt, dass sich die Sylter keinen Wohnraum mehr auf der Insel leisten können.

Die Autorin spart auch nicht die Grundproblematik der Insel, die schon immer unvorstellbaren Naturgewalten ausgesetzt war, aus. Denn was die Klimakatastrophe mit diesem traditionell besonders gefährdeten Fleckchen Erde anstellen wird, mag man sich gar nicht ausmalen. Ist DIE deutsche Insel etwa dem Untergang geweiht?

 

Große Wendungen und kleine Anekdoten

Hinzu kommen viele große Wendungen und kleine Anekdoten in „Diese eine Liebe wird nie zu Ende gehen“, mit denen ich so überhaupt nicht gerechnet hatte. Ja, ich wusste, dass „Die Ärzte“ in den 1980ern ein Konzert auf Sylt gegeben haben. Dass dem ein Einfall einer größeren Gruppe von Punks auf der Insel voranging – Pöbeleien gegenüber Touristen inklusive – war mir hingegen unbekannt. Genauso wenig wusste ich, dass ein findiger Geschäftsmann Sylt einst zur zweiten Massentourismus tauglichen Insel nach Mallorca machen wollte. So langsam beginne ich zu verstehen, warum sich die Sylter so sehr vor dem 9-Euro-Ticket fürchten…

 

Ernste Töne

Die größte Überraschung war für mich ein sehr ernstes, von Sylt losgelöstes Thema, dem viel Raum in dem Buch gegeben wird: Dem lange vertuschten Kindesmissbrauch an Susanne Matthiessens bester Freundin aus Kindertagen. Dieser Erzählstrang hat mich mit voller Wucht getroffen, hatte ich doch so gar nicht damit gerechnet. Umso beeindruckender war die schonungslose Ehrlichkeit mit der Susanne Matthiessen auf ihren eigenen Umgang mit dem Schicksal ihrer besten Freundin blickt.

Deshalb bewundere ich auch sehr, wie es ihr in „Diese eine Liebe wird nie zu Ende gehen“ gelungen ist, die Balance zwischen ernsten Themen und lustigen Anekdoten – wie z.B. der Rettung einer teuren Einbauküche vor der Sturmflut – zu halten.

 

Früher war nicht alles besser, oder?

Irgendwie hat es mich auch ein bisschen beruhigt zu lesen, dass auch in den 1980er Jahren nicht alles Gold war, was glänzte. Heute schauen wir verklärt auf dieses „unbeschwerte“ Jahrzehnt zurück. Vergessen dabei jedoch Probleme wie den „Sauren Regen“ oder das große Robbensterben.

Sehr beeindruckt haben mich die Gedanken ihres hochbetagten Vaters. Ein Mann, der am Ende seines Lebens an dem „höher, schneller, weiter“-Motto seiner Generation zu zweifeln beginnt.

 

Fazit

„Diese eine Liebe wird nie zu Ende gehen“ war für mich ein wunderbares Hörbuch, das mich sowohl unterhalten als auch weitergebildet hat. Ich hatte viel Spaß beim Hören und plane, auch das erste Buch mit Sylt-Erinnerungen von Susanne Matthiessen zu lesen.

 

4 Kommentare

  1. 5. Juni 2022 / 09:13

    Hallo,

    ich habe das Buch als Print gelesen und fand es insgesamt auch sehr unterhaltsam mit etwas Tiefgang und mit vielen Infos über die Entwicklung Sylts.
    Bei deiner Rezi musste ich eben über die Bezeichnung „„jammerige“ Schelte an der Corona-Politik“ schmunzeln. Das ging mir im beim Lesen auch etwas gegen den Strich, aber es sollte wohl sozusagen ein aktueller Einstieg geschaffen werden. Danach flutschte die Erzählung ja dann auf die gewohnte Weise. Das erste Werk von Susanne Matthiessen fand ich auch interessant, dort geht sie manchmal noch mehr ins Detail.

    Liebe Grüße und ein schönes Pfingsfest!
    Barbara

    • glimrende
      Autor
      10. Juni 2022 / 06:35

      Hallo Barbara,

      da bin ich beruhigt, dass Du beim Einstieg in das Buch denselben Gedanken hattest wie ich 😉 Den aktuellen Bezug fand ich auch gar nicht schlecht, aber der Ton hat mir nicht so gut gefallen…

      Vielen Dank auch, dass Du den „Vorgängerband“ erwähnt hast. Nachdem Deine Meinung dazu positiv ist, wandert der nun definitiv auf meine Leseliste.

      Herzliche Grüße.

      Stefanie

    • glimrende
      Autor
      10. Juni 2022 / 06:36

      Merci 🙂

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