|Leseliebe| „Der schöne Deutsche“ von Jens Nordalm

Nach diversen Liebesgeschichten oder Krimis, stand mir der Sinn zu Abwechslung mal wieder nach einem Sachbuch. „Der schöne Deutsche – Das Leben des Gottfried von Cramm“ von Jens Nordalm klang nach dem perfekten Buch, denn die Mischung aus Biografie, deutscher Kriegs- und Nachkriegsgeschichte sowie Sport deckt drei meiner Lieblingsthemen ab.

Werbung: das Rezensionsexemplar wurde mir von netgalley kosten- und bedingungslos zur Verfügung gestellt.

 

Der schöne Deutsche - Gottfried von Cramm von Jens Nordalm Rezension

 

Besser als Becker

Boris Becker – kennt jeder. Gottfried von Cramm hingegen nur wenige. Was ich sehr bedauerlich finde, denn nach der Lektüre von „Der schöne Deutsche“ bin ich nicht nur davon überzeugt, dass Gottfried von Cramm der elegantere Tennisspieler sondern auch ein weit wichtigerer Botschafter Deutschlands in der ganzen Welt war.

 

Ein bewegtes Sportlerleben

Gottfried von Cramm ist der Spross einer adligen und kinderreichen Familie. So wurde er nicht nur an den zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch äußerst elitären Tennissport herangeführt sondern genoss auch eine vorzügliche Schul- und Herzensbildung. In den 1930er Jahren reifte er zu einem der weltbesten Tennisspieler heran, der für sein elegantes Spiel und sein gutes Aussehen bewundert und für seinen fairen Sportsgeist rundum den Globus gefeiert wurde. Er zeigte der Welt, dass es – wenn auch selten – den „guten“ Deutschen noch immer gab.

Dem Naziregime stand er – wie auch große Teile seiner Familie – kritisch gegenüber. Das und seine Beziehung zu einem Mann wurden ihm 1938 zum Verhängnis. Er wurde verhaftet und wegen des Verstoßes gegen § 175 StGB zu einer Freiheitsstrafe verurteilt.

Nachdem Krieg kehrte Gottfried von Cramm auf den Tennisplatz zurück, heiratete die reichste Frau der Welt und wurde zu einem erfolgreichen Geschäftsmann. Denn Glanz der 1920er und frühen 1930er Jahre erreichte sein Leben jedoch nie mehr…

 

Der schöne Deutsche - Gottfried von Cramm von Jens Nordalm Rezension

Heutzutage wäre dieses Bild eindeutige #couplegoals bei Instagram 😉

 

Grandiose Reise in die goldenen 1920er

Was für eine Lebensgeschichte! Mich hat das Leben von Gottfried von Cramm von Seite 1 an in seinen Bann gezogen. Besonders gut gefallen hat mir hierbei, wie deutlich an seinem Beispiel der Unterschied zwischen den schillernden und fortschrittlichen Jahren der Weimarer Republik und dem dunklen Naziregime und den piefigen Anfangsjahren der Bonner Republik wurde. Bei jedem neuen historischen Buch über diese Zeit bin ich fassungslos, wie weit wir eigentlich in den 1920er Jahren schon waren – und wie lange wir gebraucht haben, um zu der Freigeistigkeit, die damals zumindest in Berlin herrschte, zurückzukommen.

 

Heimlicher Star

Neben Gottfried von Cramm selbst, dessen Sportsgeist und elegantes Auftreten ich in mein Herz geschlossen habe, ist seine Mutter Jutta von Cramm der heimliche Star dieser Biografie. Was für eine starke Frau, die den frühen Tod des Mannes und den kriegsbedingten Verlust mehrerer Söhne verkraften musste. Die Auszüge aus ihren Briefen fand ich grandios. Sie brachte so vieles auf den Punkt und ließ sich durch niemanden den Schneid abkaufen. Auch als Gottfried von Cramm verhaftet wurde, stand sie zu 100% hinter ihm. Manche Eltern von heute können sich eine Scheibe davon abschneiden, wie sie auf das „Coming Out“ ihres Sohnes reagiert hat.

 

Der schöne Deutsche - Gottfried von Cramm von Jens Nordalm Rezension

Ich finde es wirklich faszinierend, wenn Männer so zeitlos attraktiv sind wie Gottfried von Cramm…

 

Große Fotoliebe

Der Text in „Der schöne Deutsche“ wird immer wieder durch Fotos von Gottfried von Cramm und den Menschen in seinem Umfeld aufgelockert. Diese Bilder haben eine wirklich großartige Qualität und sind wunderschön anzusehen. Wenn man das ganze ins hier und heute transferieren möchte, muss ich es wohl so umschreiben: sowohl Gottfried von Cramm als auch seine beiden Ehefrauen oder seine männlichen Geliebten hätten heute eine große Karriere auf Instagram sicher. Einfach, weil sie außergewöhnlich gutaussehend und fotogen waren.

 

Fazit

Allen, die sich für die Zeit zwischen der Weimarer Republik und der jungen Bundesrepublik interessieren, kann ich „Der schöne Deutsche“ wärmstens empfehlen. Ganz besonders, falls ihr z.B. von „Babylon Berlin“ fasziniert seid. Denn am Beispiel von Gottfried von Cramm zeigt sich historisch belegt, was damals in Deutschland los war.

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