Wenn ich auf mein Leben zurückblicke, dann kristallisiert sich heraus, dass der Sommer 2006 der Sommer unseres Lebens war. Wir waren jung, unbeschwert und dazu bereit, alles auszuprobieren, was dieser Fussballsommer mit sich brachte. Entsprechend begeistert war ich von der Idee, „Der deutsche Sommer – Als 2006 plötzlich die Leichtigkeit einzog“ von Ronald Reng zu lesen. Ein Buch, das mit Hilfe verschiedener Protagonist|innen auf diese ganz besondere Zeit in Deutschland zurückschaut.
Werbung: das Buch wurde mir vom Verlag kosten- und bedingungslos zur Verfügung gestellt.

2006 hatte ich leider keine Tickets für ein WM-Spiel. Aber bei der EM 2024 habe ich es ins Stadion geschafft. Deshalb dieses Bild.
(So viel) Mehr als ein Fußballbuch
Roland Reng ist für seine erzählerischen Sachbücher bekannt und wurde für sein Werk schon mehrfach ausgezeichnet. Einen Namen gemacht hat er sich z.B. mit Biografien diverser Fußballer oder Bücher über bestimmte Sportereignisse wie das Spiel der beiden deutschen Staaten gegeneinander bei der WM 1974.
In „Der deutsche Sommer – Als 2006 plötzlich die Leichtigkeit einzog“ widmet er sich der Fußballweltmeisterschaft 2006, während der die Welt in Deutschland zu Gast bei Freunden war. Auch bekannt als „das Sommermärchen“. Ronald Reng blickt nicht alleine auf diese unvergessliche Zeit zurück. Stattdessen erzählt er aus der Sicht verschiedener Zeitzeug|innen wie DFB-Spieler Thomas Hitzlsperger, den Fußballerinnen Alexandra Popp und Tuğba Tekkal, Astronaut Thomas Reiter, Flo Weber (Drummer der „Sportfreunde Stiller) u.v.m.
Er konzentriert sich hierbei nicht nur auf das reine Fußballgeschehen oder erzählt ausschließlich die verschiedenen WM-Partien nach. Vielmehr zeichnet er ein komplexes Bild der damaligen politischen Weltlage, dem Selbstverständnis der Deutschen und wie dieser einmalige Sommer den Blick der Deutschen auf sich selbst und dem der Rest der Welt auf uns verändert hat.
Wehmut und Traurigkeit
Und ja, ich bin mehr als einmal beim Lesen von „Der deutsche Sommer“ wehmütig geworden und hatte Tränen in den Augen. Das alles nicht beim Ausscheiden der deutschen Mannschaft gegen Italien. Denn das ist im Nachhinein eine sportliche Niederlage, die man als Fan eben verkraften muss und die mit der WM 2010 und der WM 2014 zwei weitere fantastische Weltmeisterschaften für die deutschen Fußballfans zur Folge hatte. Nein, ich wurde traurig, als ich von all der Leichtigkeit, Weltoffenheit und dem Optimismus gelesen habe. All das fehlt mir zwanzig Jahre später so unglaublich, und ich kann es nicht fassen, wie wenig die gesamte Menschheit / die politischen Leader rundum die Welt aus all den 2006 vorhandenen Möglichkeiten gemacht haben.
Beruhig hat mich ein bisschen, dass vor der WM 2006 in Deutschland auch nicht gerade eine brillante Stimmung geherrscht hat. Die Deutschen waren mit der Politik und wirtschaftlichen Lage unzufrieden und fürchteten, zu einer „Bananenrepublik“ zu verkommen. Wahrscheinlich ist das ein ca. alle 20-25 Jahre sich wiederholender Zyklus, denn durch meine Eltern weiß ich, dass die Stimmung Ende der 1970er Jahre ähnlich war.
Ganz viel Liebe für Aufbau und Erzählweise
Ich mag den Aufbau und die Erzählweise von „Der deutsche Sommer“ sehr. Die Kapitel sind kurz und die diversen Protagonist|innen kommen aller paar Kapitel erneut zu Wort. Das macht das gesamte Buch unglaublich abwechslungsreich und spannend. Außerdem finde ich es einen klugen Schachzug, dass sich Ronald Reng nicht nur auf den fussballerischen Blickwinkel konzentriert, sondern auch Medienschaffende, Zuschauer|innen und sonstige Beteiligte aller Altersklassen zu Wort kommen lässt. So ist „Der deutsche Sommer“ so viel mehr als ein reines Fußballbuch. In meinen Augen ist es ein zeitgeschichtliches Dokument, das sich nicht nur an Fußballultras richtet.
Drei meiner persönlichen Highlights
Drei Stellen möchte ich aus ganz unterschiedlichen Gründen besonders hervorheben:
- Über Thomas Hitzlsperger schreibt Ronald Reng, dass dieser das Bücherlesen erst mit 22 Jahren entdeckt hat. Er scheint stellvertretend für all die Menschen zu stehen, die in ihrer Kindheit nicht regelmäßig gelesen haben. Denn diese kostet es Überwindung, ein Buch aufzuschlagen, da darüber die Frage lauert: Was, wenn du es nicht verstehst? Für mich war dieser Abschnitt so eindrücklich, da ich zu denjenigen gehöre, die schon immer gelesen haben. Weshalb diese Frage für mich noch nie eine Rolle gespielt hat. Ich wäre selbst auch nie auf die Idee gekommen, dass Nicht-Leser so eine Angst haben könnten. Jetzt verstehe ich besser, warum das Lesen für manche eine unüberwindbare Hürde zu sein scheint.
- Sehr schmunzeln musste ich über den Satz, dass es Ende der Siebzigerjahre zu viele Michaels gegeben hat. Dieses Phänomen scheint sich bis ins nächste Jahrzehnt gezogen zu haben, denn in meinem beruflichen Umfeld gibt es so viele zwischen 1970 und 1985 geborene „Michaels“, dass ich diese mittlerweile durchnummeriere, um Verwechslungen vorzubeugen.
- Wenn Männer mal wieder nicht kapieren wollen, dass Frauen in der Politik auch nach der Kanzlerinnenschaft von Angela Merkel noch immer mit anderen, viel kritischeren Augen gesehen werden als männliche Politiker, werde ich folgenden Satz im Kontext von Angela Merkels „vorsichtigem“ Torjubel parat halten: „Sie hatte lernen müssen, dass Gefühle Frauen in der Politik als Schwäche ausgelegt wurden.“
Fazit
Das war ein ganz besonderer „trip down the memory lane“. Ich habe es geliebt, all die WM-Spiele der deutschen Mannschaft noch einmal zu erleben und mir dabei zu überlegen, wo ich diese WM-Momente verbracht habe. Ich kann Euch tatsächlich noch immer alle Ort aufzählen. Mit einer Ausnahme: Beim dritten Vorrundenspiel will mir die Antwort partout nicht einfallen.
Weltpolitisch war es eine eher frustrierende Lektüre. Dafür reicht ein Blick auf die Lage des im Buch ebenfalls präsenten Afghanistans. Aber was bleibt uns anderes übrig, als zu hoffen, dass es wieder bergauf geht? Mir fällt keine bessere Option ein <3 .
