Bene Mayr ist mir um die Olympischen Spiele 2014 herum zum ersten Mal „begegnet“. Weil er plötzlich in den Medien als Athlet aus dem neu ins olympische Programm aufgenommene Freeskiing / Slopestyle im Fokus stand. Natürlich ist mir sein gutes Aussehen und die lockere Art aufgefallen. Später habe ich ein paar Folgen seines mit zwei Freunden aufgenommenen Podcasts „Reden am Limit“ angehört – bis der mir zu „männerig“ wurde. Als ich entdeckt habe, dass er eine Biografie namens „Last Exit – Mein gefährliches Leben im Schnee“ veröffentlich hat, war ich sehr überrascht. Sollte es in dieser Biografie doch um seine Drogen- und Alkoholsucht gehen, von der ich bislang nichts mitbekommen hatte.
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Abgründe hinter glitzender Fassade
Wer Bene Mayr zum ersten Mal sieht, wird vermutlich den Eindruck erlangen, dass es sich um ein echtes Glückskind handelt. Gutes Aussehen, eine beeindruckende Sportkarriere und eine gewisse Lockerheit, die sehr anziehend wirkt. Keine außenstehende Person würde vermuten, was für Abgründe sich hinter dieser Fassade auftun.
Schon als Kind war Benes Leben geprägt von einem unbändigen Bewegungsdrang, der darin resultierte, dass er diverse actiongeladene Sportarten ausprobiert hat. Je wilder desto besser. Das mag sich nach „boys will be boys“ anhören, tatsächlich steckt jedoch so viel mehr dahinter. U.a. eine damals nicht diagnostizierte ADHS-Erkrankung, die ihn das Schulleben nur schwer ertragen lässt.
Es dauert einige Jahre, bis sich Bene auf den Skisport konzentriert und sich final dem Freeskiing mit seinem alternativen Lifestyle zuwendet. Dort begeht er waghalsige Stunts, viele von ihnen erfolgreich, manche münden jedoch auch in schlimmen Verletzungen. Irgendwann ist sein Knie so kaputt, dass eigentlich gar nichts mehr geht. Mit einer immer größer werdenden Menge an Schmerzmitteln quält er sich trotzdem zu Olympia 2014 in Sochi. Vielleicht waren diese Schmerzmittel sein Startpunkt in die Sucht. Spätestens nach Ende seiner Sportkarriere benötigt er einen neuen Adrenalinkick und gerät in einen Strudel aus wilder Feierei, Kokain, Alkohol und sonstigen Drogen und Aufputschmitteln.
Bis gar nichts mehr geht, und Bene in einer Suchtklinik landet.
Sport
Ich wage zu behaupten, dass ich mich im Ski alpin ziemlich gut auskenne, während mir das Freeskiing maximal alle vier Jahre bei Olympia oder in den Vlogs von Jon Olsson begegnet. Umso spannender war es für mich, in Bene Mayrs „Last Exit“ von dieser für mich recht exotisch anmutenden Sportart zu lesen. Überschneidungen gibt es trotzdem, denn im Buch tauchen sowohl Felix Neureuther als auch Sportdirektor Wolfi Maier auf. Bezüglich Letzterem hat mir besonders gut gefallen, dass ihn Bene Mayr genauso sympathisch und locker beschreibt, wie ich in selbst wahrnehme.
Kindheit
An vielen Stellen hat mir „Last Exit“ das Herz gebrochen. Den kleinen Bene, der sich so unglaublich schwer in der Schule tut, hätte ich am liebsten in den Arm genommen. Es stellt sich die Frage, wie anders wäre sein Leben verlaufen, hätte es in seiner Kindheit eine vernünftige ADHS-Diagnostik gegeben. Ich gehöre übrigens zu den Mädchen, die man früher neben Jungs wie Bene gesetzt hat, damit sie einen beruhigenden Einfluss auf sie haben.
Süchte
Als jemand, der in seinem Leben noch nicht einmal an einer Zigarette gezogen hat, könnte Benes Drogen-Lifestyle nicht weiter von meiner Lebensrealität entfernt sein. Ich kämpfe maximal gegen zu viel Paulaner Spezi in meinem Alltag. Trotzdem – oder gerade deswegen – fand ich es unglaublich spannend zu lesen, wie Benes Leben in dieser schlimmen Phase aussah. Wie man sich vor und nach den Drogen fühlt. Warum man nicht damit aufhören kann. Und nein, ich schaue nicht auf Menschen herab, die süchtig werden, sondern schätze mich glücklich, dass ich in der Genlotterie gewonnen habe und mein Gehirn anders funktioniert.
Den Schreibstil würde ich als umgangssprachlich beschreiben, was perfekt zu dieser Biografie passt, denn so hört sie sich auf jeder Seite an, als würde Bene aus dem Nähkästchen plaudern
Fazit
„Last Exit“ ist eine großartige Biografie nicht nur für Sportfans sondern auch für alle, die mehr über ADHS, Depressionen und die Gefahr von Drogen erfahren möchten.
