|Leseliebe| „Couchsurfing in Russland – Wie ich fast zum Putin-Versteher wurde“ von Stephan Orth

„Verstehen kann man Russland nicht, und auch nicht messen mit Verstand. Es hat sein eigenes Gesicht. Nur glauben kann man an das Land.“

"Couchsurfing in Russland - Wie ich fast zum Putin-Versteher wurde" von Stephan Orth

„Couchsurfing in Russland – Wie ich fast zum Putin-Versteher wurde“

  • Stephan Orth
  • Sachbuch
  • Deutsch
  • E-Book
  • Das E-Book wurde mir von netgalley für eine Rezension zur Verfügung gestellt.
  • 4 Sterne (von 5 möglichen Sternen)

Neu Kategorie für diejenigen, die nicht die komplette Rezension durchlesen möchten… 

Empfehlung: für alle, die schon immer einmal wissen wollten, wie der Alltag in Russland aussieht und sich nicht von der Kategorie „Sachbuch“ abschrecken lassen.

Russland (respektive die Sowjetunion) fasziniert mich schon seit Kindertagen. Ich bin mir nicht sicher, woran das liegen mag, wahrscheinlich an meiner Liebe zum Eiskunstlaufen, denn da fand ich die russischen Eisläufer schon immer am besten. Als ich „Couchsurfing in Russland“ entdeckte habe, wusste ich sofort, dass ich dieses Buch gerne lesen möchte, denn der Klappentext erweckte bei mir den Eindruck, dass man einen tiefergehenden Einblick in die russische Seele erhalten würde.

Das Buch ist in kurze Kapitel gegliedert, in denen der Journalist Stephan Orth seine Erfahrungen als Couchsurfer in verschiedenen russischen Regionen schildert. Er konzentriert sich hierbei nicht auf die auch weniger Russland interessierten Menschen bekannten Städte Moskau und St. Petersburg sondern begibt sich auch in ganz weit im Osten belegene Regionen mit teilweise (zumindest im Winter) klimatisch unmenschlichen Bedingungen.

Daneben enthält jedes Kapitel ein Schlagwort zu einem Buchstaben des Alphabets mit den entsprechenden Erläuterungen. So etwas mag ich sehr gerne, denn es lockert die einzelnen Kapiteltexte auf. Das gilt auch für die kurzen Erkenntnissgewinne, die der Autor am Ende eines jeden Kapitels formuliert, sowie für die enthaltenen Fotos.

"Couchsurfing in Russland - Wie ich fast zum Putin-Versteher wurde" von Stephan Orth

„Couchsurfing in Russland“ ist für mich eines jener Sachbücher, das sich wie Unterhaltungsliteratur liest. Ich hatte zu keiner Sekunde das Gefühl, eine trockene Abhandlung von Fakten in Händen zu halten. Mich haben vor allem der Humor und die Unvorgenommenheit gefallen, mit denen Stephan Orth an dieses Projekt herangegangen ist. So hat er sich in Regionen vorgewagt, die keinen guten Ruf haben. Auch hat er die Einwohner Russlands, die er kennengelernt hat, nie von oben herab behandelt. Obwohl er selbst offensichtlich kein großer Putin-Fan ist, hat er trotzdem versucht zu verstehen, warum dieses Volk sich einen starken Führer wünscht und dabei gewillt ist, Einbußen z.B. bei der Presse- und Meinungsfreiheit hinzunehmen.

Auf diese Weise gelingt es dem Autor tatsächlich, den von mir gewünschten Einblick in die russische Seele zu geben. Es ist zwar noch immer ein Mysterium für mich, wie ein Volk, dass so viel Begeisterung für Kunst (z.B. Ballett) zeigt, gleichzeitig so viele blutrünstige Herrscher hervorbringen kann, trotzdem beginnt man zu verstehen, dass ein riesiges, nicht sonderlich homogenes Land mit wenig Erfahrung in Sachen Demokratie vielleicht überhaupt nicht wie ein westeuropäischer Staat regierbar ist. Außerdem kann man erkennen, dass dort auch Menschen „wie du und ich“ leben, die ähnliche Träume und Ziele in ihrem Leben verfolgen.

"Couchsurfing in Russland - Wie ich fast zum Putin-Versteher wurde" von Stephan Orth

Meine Meinung, dass manches heute anders laufen würde, wenn sich der Westen sich in den Jahren nach dem Zusammenbruch des Kommunismus anders (= weniger arrogant) gegenüber Russland verhalten hätte, wurde bestätigt. Der Westen hätte ahnen können, dass eine ehemalige Weltmacht empfindlich reagiert, wenn man ihr diesen Weltrang abspricht.

Dadurch, dass in jedem Kapitel eine andere, zum Teil weit auseinander liegende Region Russlands behandelt wird, ist es mir schwer gefallen, einen Überblick zu behalten und vor allem die mir teilweise vorher namentlich nicht bekannten Stationen auseinanderzuhalten. Hier hat für meinen Geschmack ein bisschen der rote Faden gefehlt.

Davon abgesehen, hat mir dieses Buch genau die perfekte Mischung aus Sachbuch und Unterhaltung gebracht, die ich erwartet habe. Wer hier eine tiefgreifende Analyse von Russlands Problemen erwartet, ist sicher falsch, dafür bekommt man einen lebensnahen, kurzweiligen und charmanten Einblick in den russischen Alltag.

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