|Leseliebe| Astrid Lindgren, die Heldin meiner Kindheit / “Ich habe auch gelebt!” / Rezension

Astrid Lindgren gehört nicht nur zu den Heldinnen meiner Kindheit (ich habe “Die Kinder aus Bullerbü” geliebt und die Gesamtausgabe mit 8 Jahren in den Osterferien verschlungen) sondern ist für mich auch eine der großen Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts. Ich habe mich anhand von verschiedenen Biografien und ihren Tagebuchaufzeichnungen aus dem 2. Weltkrieg intensiv mit ihr auseinandergesetzt, und ich kann mich total mit ihrer für die damalige Zeit erstaunlich modernen Sichtweise bezüglich Humanismus und Feminismus identifizieren.

Als ich entdeckt habe, dass mit “Ich habe auch gelebt!” ein neuer Briefwechsel von Astrid Lindgren veröffentlicht wurde, war ich sofort interessiert, war mir aber nicht sicher, wie sich so eine Zusammenstellung von Briefen würde lesen lassen. Ich habe mir das Buch trotzdem kurz nach Erscheinen gekauft, dann ist es aber erst einmal monatelang auf meinem Nachttisch versauert, weil ich immer wieder Rezensionsexemplare oder selbstgekaufte, aktuelle Bücher vorgezogen habe. Nachdem ich mir für das neue Jahr vorgenommen habe, regelmäßig schon länger gekaufte Bücher abzuarbeiten, war es im Januar endlich soweit, und ich hab mir “Ich habe auch gelebt!” vorgenommen.

Rezension zu Ich habe auch gelebt! Briefe einer Freundschaft von Astrid Lindgren und Louise Hartung

“Ich habe auch gelebt! Briefe einer Freundschaft”

Astrid Lindgren / Louise Hartung
Sachbuch
Deutsch
4,5 Sterne von 5 möglichen Sternen

Astrid Lindgren und Louise Hartung lernten sich 1953 in Berlin aus beruflichem Anlass kennen und im Anschluss entwickelte sich ein intensiver Briefwechsel zwischen den beiden, der bis zum Tod von Louise Hartung im Jahr 1965 andauern sollte. Während wohl jedes Kind Astrid Lindgren und ihr Werk kennt, dürfte Louise Hartung den meisten unbekannt sein. Sie hat in den sagenumwobenen goldenen 20er Jahren als Sängerin in Berlin gelebt und nach dem 2. Weltkrieg beim Berliner Hauptjugendamt gearbeitet. Dort hat sie sich vor allem um die Leseförderung von Kindern verdient gemacht.

Der größte Überraschungseffekt des Buches kristallisiert sich schnell heraus, denn in den Anfangsjahren macht Louise Hartung Astrid Lindgren recht eindeutige Avancen, mit viel Diplomatie übergangen werden. Ich bewundere Louise Hartung für ihren Mut, ihre Gefühle so offenzulegen, auch wenn sie mir manchmal eine Spur zu aufdringlich war. Ich fand es super interessant aus erster Hand von jemandem zu lesen, der zur damaligen, noch weit konservativeren Zeit als heute (und wenn man sich anschaut, welche mediale Aufmerksamkeit die “We’re here. We’re queer. Get used to it.”-Aussage eines amerikanischen Olympioniken bekommen hat und vor allem welcher politische Gegenwind dahinter steckt, dann ist die Gesellschaft auch in der Jetztzeit noch meilenweit von einem Idealzustand entfernt. Der ist in meinen Augen erst erreicht, wenn es keine Schlagzeile mehr wert ist, wenn ein männlicher Sportler einen Mann liebt. Oder würde die Headline “Lothar Matthäus gesteht: ich liebe Frauen (und keine Männer)!” irgendjemanden vom Hocker reißen?) relativ offen lesbisch gelebt hat.

Gut gefallen hat mir, wie viel man aus Astrid Lindgrens Alltag erfährt. Manches davon mag auf den ersten Blick eher banal klingen, aber genau dadurch bekommt man einen guten Blick auf die echte Astrid Lindgren. Der war z.B. das Wetter sehr wichtig für ihr Wohlbefinden, weshalb in beinahe jedem Brief Aussagen zur Wetterlage in Schweden enthalten waren. Das ist auch ein bisschen typisch skandinavisch, denn dort ist das Klima einfach rauher als in Deutschland und folglich drückt ein besonders langer Winter oder ein verregneter Sommer auch stärker aufs Gemüt. Gleichzeitig musste ich schmunzeln, denn schon damals war das Wetter oft nicht so, wie man es sich zur Jahreszeit passend vorgestellt hat. So viel zum Thema “Es gibt keinen richtigen Winter mehr!” oder “Der Sommer ist auch nicht mehr das, was er einmal war!”.

Man mag die Erwartung haben, dass Astrid Lindgren fröhlich wie “Pippi Langstrumpf” durchs Leben gesprungen ist, tatsächlich hatte sie aber leicht depressive, von ihr selbst als “melancholisch” bezeichnete Phasen. Oft wollte sie sich einfach nur zum Schreiben in die Einsamkeit zurückziehen, aber ihre Familie, ihre Verleger und auch die unermüdlich an sie Briefe schreibenden Leser wollten unbedingt ein großes Stück ihrer Aufmerksamkeit haben. Manchmal war ihr das alles viel zu viel. Trotzdem merkt man, wie wichtig ihr ihre beiden Kindern waren und was für eine großartige Großmutter sie für ihre Enkel war.

Louise Hartung nahm ihren Beruf beim Berliner Hauptjugendamt sehr ernst, und es ist offensichtlich, wie sehr ihr eine Verbesserung der Verhältnisse von benachteiligten Kindern in Deutschland am Herzen lag. In dem Zusammenhang ist mir besonders eine Aussage im Vorwort des Buches im Gedächtnis geblieben:

“…man hatte in Westberlin Mühe, all die Jugendlichen unterzubringen, die in der Hoffnung auf ein besseres Leben in den Westen flüchteten. Es herrschte ein akuter Mangel an Jugendheimen und Pflegefamilien, und man diskutierte die Möglichkeit, zumindest Minderjährige in den Osten zurückzuschicken.”

Klingelt es bei diesen Worten bei jemandem? Flüchtlingskrisen sind nichts Neues und werden wohl auch nie aussterben…

Rezension zu Ich habe auch gelebt! Briefe einer Freundschaft von Astrid Lindgren und Louise Hartung

Meine liebste Entdeckung, die ich durch dieses Buch gemacht habe: Astrid Lindgren war in meiner Heimatstadt, in Schwäbisch Hall! Was noch viel wichtiger ist: sie hat es dort geliebt und schwärmt noch Jahre später von ihrem gemeinsamen Aufenthalt dort mit Louise Hartung.

“… ich werde nie vergessen, wie herrlich es in der Kirche in Schwäbisch Hall war, auch im Wald, auch an den grünen Abhängen mit einsamen Bäumen unter einem dunkelnden Himmel. Ach, ach!”

“Morgen höre ich Hosianna… dann werde ich mich daran erinnern, wie wir in der Kirche in Schwäbisch Hall gesessen haben. Dorthin möchte ich noch einmal in meinem Leben.”

Ich bewundere beide Frauen für die Virtuosität, mit der sie ihre Briefe geschrieben habe. Man blickt mit einem weinenden Auge darauf, wenn man daran denkt, wie abgehackt, grammatikalisch falsch und ohne Rücksicht auf Groß- und Kleinschreibung heutzutage per Smartphone kommuniziert wird. Wird es überhaupt jemals wieder die Möglichkeit geben, einen solchen Briefwechsel zu veröffentlichen? Wo kein Mensch mehr per Brief zu kommunizieren scheint? Gleichzeitig fühle ich mich als Leser auch ein bisschen voyeuristisch, wenn ich diesen intimen Gedankenaustausch zwischen zwei Frauen lese, der ja eigentlich nur für diese beiden untereinander und nicht für ein großes Publikum bestimmt war. Also ich möchte nicht, dass die Briefe, die ich mit 14 Jahren mit meinen Brieffreunden ausgetauscht habe, veröffentlicht werden, hatte ich damals doch einen schrecklich altklugen Schreibstil. Ich gebe es zu, kein allzu realistisches Szenario, der Verleger, der meine Ergüsse zu meinen Lieblingseiskunstläufern veröffentlichen möchte, muss erst gefunden werden.

Für mich bereits eines meiner Lesehighlights 2018, denn ich habe auf ungewöhnliche Art und Weise – nämlich durch Briefe – einen tieferen Einblick in das Leben einer meiner Lieblingsschriftstellerinnen erhalten. Gleichzeitig habe ich aus erster Hand Neues aus dem Leben im Deutschland der 50er und 60er Jahre erfahren. So muss ein Leseerlebnis für mich sein: horizonterweiternd und trotzdem unterhaltsam. Irgendwie auch ein feministisches Buch, ohne dass es sich groß Feminismus auf die Fahnen geschrieben hätte, zeigt es doch, dass Deutschland damals nicht nur aus Hausmütterchen bestand, die mit den Pantoffeln in der Hand auf die Rückkehr des hartarbeitenden Mannes gewartet haben. Gerne mehr davon.

 

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